
Aufrecht gehen – Wir wollen uns in Würde wieder aufrichten
Aufrecht gehen – Ein Artikel über unser Bedürfnis nach Aufrichtung
Werfen wir einmal einen Blick auf den Beginn eines neuen Lebens. Ein Kind wird geboren. Du hältst es im Arm, trägst es, schiebst es im Kinderwagen durch die Stadt.
Es liegt viel.
Aber nur verhältnismäßig kurz.
Schon bald hebt es den Kopf, stützt sich auf die Ärmchen, richtet sich allmählich auf in den Stand und – bei manchen dauert es weniger als ein Jahr – läuft los.
Nirgendwo ist besser zu beobachten, dass es eine höhere Kraft ist, die das Baby lenkt, die es in die Aufrichtung zieht. Babies gehen üblicherweise nicht in eine Lauflernschule. Sie wissen sehr genau, welcher Schritt als nächstes dran ist, um auf die Füße zu kommen. Sie erstellen nicht vorher eine umfangreiche Handlungsstrategie.
Das kleine Kind ist mit den höheren Kräften noch gut verbunden und tut, was es tun muss. Es richtet sich auf.
Was bedeutet das?
Aufrecht gehen – Wir streben nach Aufrichtung
In meinen Augen bedeutet dass, dass wir für den aufrechten Gang angelegt sind. Nicht nur im körperlichen Sinne, auch insgesamt strebt etwas in uns nach Aufrichtung. Nach Aufrichtigkeit. Tief in uns erklingt der Ruf, aufrecht durchs Leben zu gehen. Im Grunde geht Aufrichtigkeit Hand in Hand mit Wahrhaftigkeit.
Was hindert uns daran, uns beherzt aufzurichten, wenn die Evolution es doch für uns vorgesehen hat? Welche gesellschaftlichen Muster und Konditionierungen sind es, die Aufrichtung verhindern? Was genau ist es, dass uns klein hält? Warum trauen wir uns nicht?
Subtile Manipulation ist es ebenso wie Bestrafung, Unterdrückung oder Gewalt. Es gibt noch viele mehr. Warum bilden die meisten von uns im Laufe der Jahre einen Buckel aus, wo wir doch mit dem Ansatz von Flügeln geboren werden?
Aufrecht gehen – das Gegenteil von „sich ducken“
Historische Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Florence Nightingale oder der spirituelle Lehrer Rumi warfen schon Fragen dieser Art in den Raum und versuchten, ihnen nachzugehen. Sie hatten wohl an sich selbst gespürt, dass es sich lohnt, die eigenen Flügel aufzuspüren, wieder zu entfalten und schlussendlich zu gebrauchen.
Sich aufzurichten ist das Gegenteil davon, sich klein zu machen, sich zu ducken. Richte ich mich auf, so bedeutet das, dass ich mich für andere, für die Welt, aber auch für mich selbst sichtbar mache.
Ertrage ich das?
Die unheilgen Stellen in mir
Sich aufzurichten ist eine Haltungsfrage. Aufrichtig sein. Wie stehe ich dem Leben gegenüber? Wie mir selbst? Ertrage ich den unverhangenen Blick in den Spiegel, die klare Sicht auf meine Innenwelten? Kann ich die unheiligen Stellen in mir überhaupt ansehen? Kann ich sie aushalten? Sie würdigen? Kann ich sie vielleicht sogar lieb haben? Puh… oder ist das zu viel verlangt?
Gehen wir langsam vor.
Menschen mit Trauma-Erfahrung können ein Lied davon singen, wie es sich anfühlt, wenn der Körper in Alarmbereitschaft geht. Wenn wir uns – oft sehr plötzlich – nicht mehr auf seine reibungslose Funktion verlassen können. Das macht Angst!
Da schlägt dann auch mal das Herz aus dem Takt, die Atmung stockt oder beschleunigt sich bedenklich und/oder wir bekommen spontan Durchfall. Kurz gesagt: Das autonome Nervensystem gerät außer Rand und Band. Flashbacks erzeugen ein Gefühl, als wären wir wieder im Moment des Dramas. Etwas in uns signalisiert möglicherweise Lebensgefahr. Je nach Intensität müssen wir uns mindestens vorübergehend hinsetzen, hinlegen oder komplett in den Rückzug gehen. Dann brauchen wir unter Umständen einige Tage bis wir wieder in der Lage sind, Schritte nach draußen zu tun. Es hat uns – mal wieder – umgehauen.
Aufrecht gehen – Ich möchte mich wieder aufrichten
Nun ist der Wunsch groß, zurück in einen sicheren Stand zu finden. Ich möchte mich wieder aufrichten, nachdem ich (wie nach einem KO-Schlag) zu Boden gegangen bin. Möglicherweise haben andere gesehen, wie hilflos und verzweifelt ich war. Das erzeugt Scham und schürt vielleicht Angst. Wie wird es beim nächsten Mal sein? Werde ich jetzt überhaupt noch ernst genommen? Ein Teufelskreis beginnt, der Aufrichtung nahezu unerreichbar scheinen lässt. Personen, die selbst noch nie etwas Vergleichbares erlebt haben, bewerten mich als Menschen nach einer solchen Episode möglicherweise anders. Und doch möchte ich meine Würde zurückgewinnen. Mein Körper, mein Verstand, meine Seele, mein Innerstes, alles schreit danach, sich in Würde wieder aufzurichten.
Angenommen, es gäbe in der Schöpfungsgeschichte eine individuell geplante Form, für die wir geschaffen sind. Eine Art Bestimmung, die es für uns zu er-füllen gilt. Verstehst du, was ich meine? Möglicherweise besteht diese Bestimmung darin, uns zu unserer vollen Form und Größe zu entfalten. uns ganz aufzurichten.
In diesem Fall kommen wir irgendwann mit dem „Klein machen“ nicht mehr weiter. Wir sind vom Weg abgekommen. Wurden durch Manipulation, Gewalt oder gesellschaftliche Zwänge in die falsche Richtung gelenkt. In diesem Fall wird das Leben so lange nicht aufhören, uns zu korrigieren, bis es uns wieder in die für uns vorgesehen Spur gebracht hat. Das Leben ist nicht daran interessiert, uns verkümmern zu lassen. Es triggert unsere Heilung an. Immer wieder. Bis wir da sind, wo das Leben uns haben möchte.
So lange du atmest, lebst du!
Also…, so lange du atmest, lebst du! Und so lange du lebst, wächst du. Und Wachstum bedeutet, uns aufzurichten. Immer wieder!
Wir müssen das übrigens nicht alleine schaffen. Manchen Menschen fällt es schwer, Hilfe anzunehmen. Das Annehmen von Hilfe war auch für mich ein echter Lernprozess. Ob er schon abgeschlossen ist, kann ich nicht sicher sagen. Die Angst, anderen Menschen zuviel zu sein, macht es mir an manchen Tagen immer noch nicht leicht, um Hilfe zu bitten. Schließlich möchte ich niemandem „zur Last fallen“. Um sich selbst Hilfe von anderen zu erlauben, braucht es eine gehörige Portion Mut. Nämlich den Mut, sich (der Welt) zuzumuten.
Natürlich dürfen wir uns auch selbst helfen. Wir dürfen Entscheidungen zu unserem Besten treffen. Ich darf die Verabredung absagen, wenn ich deutlich spüre, dass ich für den Kontakt noch nicht bereit bin. Ich darf schon mal ins Brot beißen, obwohl das Buffet noch nicht eröffnet ist, wenn ich spüre, dass mein Blutzucker schwankt. Oder ich mache in der Yogastunde die leichtere Version der Übungen. Wenn wir aufhören, uns selbst irgendwas beweisen zu müssen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu Fall kommen, deutlich kleiner, als wenn unser Ehrgeiz uns dazu treibt, immer wieder über unsere Grenzen zu gehen.
Yoga und Aufrichtung
Bleiben wir mal beim Yoga. Sich ganz bewusst aufzurichten, können wir auf der Matte hervorragend üben. Wichtig dabei: Tue es bewusst! Dazu gibt es unzählige Übungen. Suche dir Übungen aus, die deine persönliche Aufrichtung unterstützen und praktiziere sie möglichst täglich. Spüre, wie sich das Aufrichten anfühlt. Wenn du deinen Körper jeden Tag (auch gerne mehrmals, auch abseits der Yogamatte) bewusst in eine Aufrichtung bringst, aktivierst du das Körpergedächtnis. Richte dich immer wieder auf, gerne mit den Worten: Ich heile! Und spüre schon nach wenigen Tagen, dass sich etwas verändert. Es Stimmt ja auch, dass du deine Heilung mit solchen Übungen unterstützt. Wir alten Weiber sind nahezu alle auf Heilungswegen unterwegs.
Und bedenke: Es muss nicht schnell gehen. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Dein Fallen hat womöglich lange gedauert und war sehr schmerzhaft. Darum braucht es Zeit, dich wieder aufzurichten.
Stelle dir auch einmal die Frage, welche Menschen oder Umstände es sind, die dich heute noch klein halten (wollen)? Was ist es, das dich immer wieder in die Knie zwingt? Wer oder was verhindert, dass du dich in Würde aufrichten kannst?
Aufrecht gehen – Was brauchst du?
Und vor allem frage dich: Was brauchst du, um wieder nachhaltig in einen sicheren Stand zu finden? Was tut dir gut, was gibt dir Kraft? Sei wählerisch, wenn es darum geht, dir Hilfe zu holen. Wer oder was gibt dir ein Gefühl von Sicherheit? Wenn du Hilfsangebote vergleichst, dann achte auf deine Intuition. Und nimm sie ernst.
Was sich nicht gut anfühlt, sollte nicht in hübsches Packpapier aus Vernunft-Argumenten eingewickelt werden, damit es irgendwie passend erscheint.
Und wenn du dich aufrichtest, dich aus der geduckten Haltung erhebst, dann spüre den Boden unter deinen Füßen. Spüre, wie es sich anfühlt, fest zu stehen, Schritte zu gehen, zu tanzen, vielleicht auch aus der Reihe…
In diesem Sinne …
Alles Liebe …
Deine Daniela
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