Der Vergleich hinkt – Vom Zwang, uns permanent zu vergleichen

Auf dem Bild sind Erdnüsse zu sehen. Außerdem die Sätze: Der Vergleich hinkt, Spieglein, Spieglein an der Wand...
und Vom Zwang, uns pemanent zu vergleichen.


Der Vergleich hinkt – vom Zwang, uns permanent zu vergleichen

Der Vergleich hinkt – Spieglein, Spieglein an der Wand…

…wer ist die schönste Erdnuss im ganzen Land??


Gerade bin ich dabei, meine Webseite in einigen Punkten gründlich zu überarbeiten. Sie soll eine interessantere Startseite bekommen inklusive einer leichteren Auffindbarkeit von relevanten Einträgen.

Da ich keinerlei Programmierkenntnisse habe, jedoch trotzdem meine Webseite komplett selbst pflege (und dies auch weiterhin tun möchte), habe ich mir zum Vergleich einige andere Webseiten angeschaut. Für den Vergleich habe ich Webseiten gewählt, von denen ich weiß, wem sie gehören. Über einige weiß ich auch, dass sie viele Zugriffszahlen haben. Was ich im Einzelnen nicht weiß, ist, ob die Seiten von den Betreiberinnen selbst gepflegt werden oder ob sie das von externen Dienstleistern machen lassen.

Dieses Vergleichen anderer Webseiten mit der meinen war ein exzellentes Übungsfeld, mein Vergleichsverhalten generell einmal zu überprüfen.

Was hast du, das ich nicht habe? Wir alle wissen, dass Vergleichen und Urteilen zwei Seiten derselben Medaille sind. Sie hängen eng zusammen und beim Vergleichen fällt das Urteil meist so schnell, dass wir es oft gar nicht bewusst mitbekommen. Im Grunde fällt das Urteil schon, wenn ich etwas nur anschaue. Ich be- urteile. Sofort! Die körperlichen Reaktionen sind dabei meist schneller als der Verstand. Die alten Register im Gehirn schnappen ein und es ist dann gar nicht so leicht, sie wieder zu entwirren und uns bewusst zu machen, was da gerade passiert ist. Das passiert im Guten wie im Schlechten.

Vielleicht kennst du den Spruch: Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Dieser Spruch bringt auf den Punkt, was eigentlich permanent mit uns geschieht.

Noch ein Beispiel: Seit ein paar Wochen haben Thomas und ich ein neues (gebrauchtes) Auto. Seitdem der Kaufvertrag unterzeichnet ist, vergleichen wir unseren „Kleinen“ permanent mit anderen Autos seiner Klasse. Unserer hat weniger gelaufen, heißt es dann. Die Farbe des anderen gefällt mir nicht (oder besser? autsch!…), dieser hat schönere Sitze, und so weiter…

Wir vergleichen, was das Zeug hält. Wirklich Alles!

Das Vergleichen ist eine chronische, ich würde fast sagen, pathologische Manie in unserer Gesellschaft. Irgendwie geschieht es mehr mit uns als dass wir es bewusst tun. Wir merken es oft erst dann, wenn wir selbst (oder jemand anders) es uns ins Bewusstsein ruft.

Und wir Frauen sind Meisterinnen im Vergleichen.

Wir machen einen regelrechten Wettbewerb daraus. Und da jede von uns besser abschneiden möchte als die andere, entsteht eine Spirale, bei der es weder einen Schlusspunkt noch ein Erfüllungsziel gibt.

Wir vergleichen nicht nur unsere Autos oder Webseiten. Ebenso vergleichen wir unsere Vorgärten, unsere Vor-lieben, unsere Oberschenkel, unsere Freunde und PartnerInnen, unsere Körbchen- und Schuhgröße, unsere Kinder, wir vergleichen was wir haben oder nicht haben, was wir können oder nicht können, wo wir einkaufen und überhaupt vergleichen wir sogar mit anderen, wer wir sind. Wir vergleichen unseren Wert als Menschen.

Wie verrückt ist das bitteschön?

Jede Frau, die auf ihre Wechseljahre zusteuert, bzw. schon mittendrin ist, hat eine Historie, eine Vergangenheit. Ihre eigene Vergangenheit. Jede Frau ist auf einem bestimmten Weg dorthin gekommen, wo sie sich gerade verortet. Diese Wege sind so individuell und vielfältig, wie Menschen nur sein können. Wie oft hast du dich schon gehäutet? Wieviele Versionen von dir abgestreift, weil sie zu eng geworden sind?

Was gibt es da immer noch zu vergleichen?

Dazu fällt mir die folgende bekannte indianische Weisheit ein:

„Du kannst niemals einen anderen Menschen verstehen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist.“

Ich bin nicht du! Ich kann nicht wissen, wie es sich für dich anfühlte…

  • als du früh deinen Mann verloren hast
  • alleine vier Kinder großzuziehen
  • ohne Vater aufzuwachsen
  • eine alkoholabhängige Mutter zu haben
  • am Arbeitsplatz jahrelang gemobbt zu werden

Und weil ich das alles nicht wissen kann, steht es mir nicht zu, ein Urteil über dich zu fällen. Meine Geschichte ist eine andere. Sie ist weder mehr noch weniger wert als deine. Und damit ist sie auch nicht mit deiner zu vergleichen. Darum werde ich uns beiden nicht gerecht, wenn ich es dennoch tue.

Wann schaffen wir es endlich, damit aufzuhören, unseren Körper, unsere Existenz, unser So-sein mit dem der Freundin, der Kollegin, der Nachbarin oder der Schauspielerin (KI lässt grüßen) zu vergleichen?

Wir sabotieren uns damit selbst und stellen den eigenen Weg, den wir bereits gegangen sind, infrage.

Warum tun wir das?

Wir stellen Ansprüche an uns selbst mit dem Ziel, uns immer mehr zu perfektionieren. Angetrieben von völlig absurden Wettbewerben, kommen wir nie wirklich zur Ruhe. Wie auch? Diese Wettbewerbe werden schließlich von allen Seiten befeuert. Ob es das Schulsystem, Social Media oder die Schönheitsindustrie ist, alles ist auf Konkurrenz, Sieg und Niederlage programmiert. Und damit auch wir.

Schneiden wir selbst beim Vergleichen unserer Meinung nach besser ab als andere, hält das Überlegenheitsgefühl meist nur sehr kurz an. Einige Zeit später lauern wir schon wieder, ob der vermeintliche Vorsprung immer noch groß genug ist.

Aber was ist, wenn die Andere längere Beine hat als ich, ein dickeres Bankkonto, den tolleren Job oder wenn die Vollzeit- Kollegin seit gestern einen brandneuen Audi Q5 fährt? Dunkelrot Metallic. Du weißt genau, dass du dir den mit der Teilzeitstelle und drei Kindern nicht leisten kannst. Freust du dich jetzt noch an deinem pistaziengrünen Twingo, in den du dich vor zwei Jahren beim ersten Anblick verliebt hast?

Ein häufiges Ergebnis dieser absurden Vergleichs- Vorgänge sind niemals versiegende Minderwertigkeitsgefühle und eine chronische Unzufriedenheit.

Du trägst einen riesigen Schatz von Erfahrungen in dir. Er ist vor allem in deinem Körper gespeichert. In deinen Hüften, im Beckenboden, im Zwerchfell, im Hals und auch in deinem Herzen. Genau diesen riesigen Erfahrungsschatz trägst nur du in dir. Niemand sonst. Versuche mal, dir das klar zu machen. Wie unsinnig ist das permanente Vergleichen unter diesem Gesichtspunkt? Es hält dich im Außen gefangen und lässt nicht zu, dass du den inneren Schatz, die Perle, die mehr wert ist als alles, was du jemals kaufen könntest, wirklich entdecken kannst.

Hat es denn auch etwas Gutes, Dinge miteinander zu vergleichen?

Vergleiche können einen Bezugsrahmen setzen. Beim Vergleich der Webseiten ist mir aufgefallen, dass fast alle Startseiten, die ich mir angeschaut habe, einen (lebendigen) roten Faden aufweisen, der sich auf den Inhalt der jeweiligen Webseite bezieht. Diesen roten Faden ließ meine Webseite eindeutig vermissen. Jetzt weiß ich das und kann daran arbeiten. (Hab ich schon mit angefangen, schau mal hier.)

Gerade im Sport kann es auch Spaß machen, sich mit anderen zu messen. Leider hat der Profisport mit seinen extremen Gewinnerprämien (vor allem für Männer) in bestimmten Sportarten das Spielerische, welches sportlichen Wettkämpfen beiwohnen sollte, zum Erliegen gebracht.

Habe ich einen realistischen Bezug zu meinen Möglichkeiten, kann der Vergleich mit anderen auch Motivation sein.
Was, du hast ein Gemüsebeet in deinem kleinen Reihenhausgarten angelegt? So leckere Tomaten und Erbsen. Und der Kürbis… ein traum. Wenn wir unseren Rasen ein Stück verkleinern, könnte ich mir auch einen Gemüsegarten anlegen…

Etwas miteinander zu vergleichen muss also nicht in allen Fällen zum Drama führen.

Leider tut es das jedoch, wenn wir uns dessen nicht in vollem Umfang bewusst sind. Darum komme raus aus dem Autopilot und stärke stattdessen die Selbstverbindung. Je sicherer du in dir selbst verankert bist, umso besser weißt du, wie du tickst und umso klarer kannst du deine Grenzen und Möglichkeiten einschätzen.

Vor diesem Hintergrund können wir uns getrost in der Welt umschauen und gleichzeitig bei uns bleiben. Das verhindert ein Gefühl des „Nicht Genügens“ und schafft mehr innere Zufriedenheit.

In diesem Sinne

Alles Liebe …

Deine Daniela

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