Die große Mutter – und die Kinder der Kinder

Auf diesem Bild ist ein feldweg zu sehen, auf dem eine Oma mit einem Mädchen an der Hand geht. Außerdem die Worte: Die große Mutter ...und die Kinder der Kinder.


Die große Mutter – und die Kinder der Kinder

Die große Mutter – Das Enkelkind ist in die Schule gekommen.

Und als sie so dastand, bepackt mit Tornister und Schultüte, kamen prompt die Erinnerungen.


Erinnerungen an die eigene Einschulung. Mein persönlicher Unabhängigkeitstag. Ich habe mich riesig auf die Schule gefreut. Extra für mich eine rote glänzende Schultüte mit Karussellpferden drauf. Und ein kleiner roter Schulranzen aus Leder. Während der Grundschuljahre bin ich gerne in die Schule gegangen.

Und dann die ersten Schultage der eigenen Kinder. Dreimal haben wir eingeschult. Dreimal erster Schultag, dreimal Schultüte und Tornister packen, dreimal Schulgottesdienst mit Einsegnung und dreimal Jahre um Jahre voller Schaffen und Scheitern, Erfolgen und Misserfolgen, Kurskorrekturen und neuen Wegen.

Heute bin ich nicht mehr die Mutter, sondern die Großmutter, die „Große“ Mutter des frischgebackenen Schulkindes. Was die Wahl der Schule oder das Pausenfrühstück betrifft, muss ich keine Entscheidungen mehr treffen.
Aber ich darf ihr Gutes wünschen, ihr Mut machen, mich an ihrer Vorfreude mitfreuen und Verständnis für eine gewisse Aufgeregtheit zeigen. Oder bin ich aufgeregt? Sind es die Eltern?

Ich beobachte die Eltern in ihrer fürsorglichen Anteilnahme am großen Tag ihrer Tochter. Es macht mich glücklich und auch ein bisschen stolz, den eigenen Sohn als liebevollen Vater (und Ehemann) zu beobachten. So selbstverständlich nimmt er Teil am Aufwachsen und Gedeihen seiner Tochter.

Er macht es besser als ich, war mein Gedanke. Ich vergleiche… kann nicht anders.

Schon so oft dachte ich genau diesen Satz in den vergangenen Jahren, seit seine Tochter geboren ist. Er macht es besser als ich. Beide Eltern machen einen großartigen Job. Nicht so ungeduldig, nicht dauernd etwas zu kriteln am Kind, weniger schimpfen. Gut so!

Auch wenn mir dabei manchmal das Herz schwer wird, weil ich es gerne genauso gut gemacht hätte, überwiegt die Freude, dass der Sohn so vieles besser macht als ich es konnte. Ich spüre deutlich: Das schlechte Gewissen klopft noch einmal an. Es sitzt immer noch tief.

Aber was ich eindeutig auch spüre: Die Liebe sitzt tiefer als jedes schlechte Gewissen. Sie hat überlebt. Gott sei Dank! Durch Stürme, schwierige Phasen und sorgenvolle Zeiten hat die Liebe nie aufgehört, durch ihren regelmäßigen Puls Leuchtfeuer zu markieren. Haltepunkte im Leben miteinander. Die Liebe hat die nicht enden wollenden und doch irgendwann beendeten Turbulenzen des Alltags gerockt. Wir sind durchgekommen. Miteinander!

Leben ist Entwicklung. Alles ist in Bewegung. Immer noch. Nichts steht still. Wenn der Sohn liebevoll mit seiner Tochter umgeht und sie nach bestem Vermögen unterstützt, gefällt mir die Richtung, in die sich das Leben entwickelt. In diesem Fall gibt es berechtigte Hoffnung, dass vieles gut wird.

Wir alten Mütter (und Väter) bleiben trotzdem Vorbilder. Wohl ein Leben lang. Darum meditiere ich und höre nicht auf, meine eigene Entwicklung weiterzuführen. Jeder Frieden, den ich in mir kreiere, springt über, breitet sich aus. In kontroversen Gesprächen die Präsenz halten. Das ist große Kunst. So etwas kann man üben.
Wir bleiben Vorbilder. Jedoch übernehmen die erwachsen gewordenen Kinder unser Verhalten nicht mehr unreflektiert. Auch das ist richtig so.

Natürlich sind sie nicht nur „unsere“ Kinder, sie sind auch die Kinder ihrer Generation. Sie sind die Kinder der Erde, eingebunden in die ewigen Naturgesetze und in ihr persönliches Umfeld. Eingebunden in eine Welt, die immer mehr in eine Schieflage zu geraten scheint. Ob es wirklich so ist? Oder ist es lediglich eine Frage der Perspektive?

So oder so besser, wir Älteren stehen ihnen nicht im Weg.

Wo stehe ich in der Generationenreihe? Es gibt in unserer Sippe niemanden mehr, der vorausgeht. Keine Ur-Großmutter. Ich bin die Oma, die „große“ Mutter. Eine Oma gegen Rechts. Bin ich jetzt so etwas wie eine Anführerin? Große Mutter. Was bedeutet das? Habe ich immer noch eine Funktion in der Reihe? Orientiert sich jemand an mir? Spiele ich immer noch eine bestimmte Rolle? Die der Großmutter? Das erinnert mich ein wenig an Rotkäppchen.

Wie wichtig bin ich für das neue Schulkind? Sie kommt gerne zu uns. Sie mag es, Zeit mit uns zu verbringen. Noch! Mit Opa im Musikkeller, gerne draußen im Garten, seit neuestem Radtouren. Was nimmt sie von mir mit? Auf jeden Fall das Stippen der Plätzchen in den Malzkaffee. Sonst noch was?

Ich lerne an ihr, das ist klar. Als ich einmal in einer prekären Situation keine Lösung parat hatte, sagte sie kurzerhand: Dann müssen wir jetzt mal eine Idee haben. Und prompt kam die rettende Idee.

Ich betrachte sie als Weiterführung der Lebens-Reihe. Sie ist das Kind des Kindes. Teil einer weiteren Generation. Wenn ich könnte, würde ich für sie den Weltfrieden sichern. Ich möchte, dass sie und ihre GenerationsgenossInnen sich später um andere Dinge kümmern können, als um Staatsschulden, Waffenexporte und Rassismusgedanken. Es gibt so viel Wichtigeres zu tun.

Manchmal sickert dann doch etwas Angst durch, wenn ich die politische Leinwand betrachte, vor der wir alle, egal ob Omas, Eltern oder SchulanfängerInnen, unsere Rollen spielen. Dann suche ich in mir nach Vertrauen. Ich weiß genau, dass das Vertrauen auch da ist. Es sitzt der Angst schräg gegenüber. Direkt zwischen Dankbarkeit und Lebensfreude. Na komm, zeig dich!

Als mein erstes Kind geboren wurde, wurde mit ihm eine neue Art von Angst geboren. Angst um mein eigenes kleines Leben. Plötzlich war ich nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich. Bis zu seiner Geburt war mir keine Achterbahn zu wild und der Sozius auf dem Motorrad seines Vaters mein Lieblingsplatz. Nachdem er auf der Welt war, bin ich auf kein Motorrad mehr gestiegen. Mir fehlt dort die Knautschzone. Safety first.
Als ich mit ihm einmal nach England geflogen bin, ohne den kleinen Bruder, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Flugangst. Fortan entweder alle oder keiner.

Aber nochmal zurück zu diesem ersten Schultag. Was wünsche ich dem I-Dötzchen denn nun? Ausgerechnet ich, die ich Schule immer so kritisch sehe. Durch meine Arbeit in Schulen und Familien habe ich genau diejenigen Kinder kennengelernt, die sich an unserem Schulsystem schmerzvoll wundgerieben haben.

Ich möchte einen Segen für sie aussprechen. Für die langen Jahre, die vor ihr liegen. Möge sie wohlbehütet durch diese Zeit kommen.

Das Enkelkind ist sechseinhalb und definitiv schulreif. Stellt sich nur die Frage, ob die Schule auch reif ist für das Kind und dessen Peergroup. Schnallt euch an, Lehrerinnen und Lehrer, da kommt eine Generation, die sich wirklich und gerne begeistern, jedoch nur schwer manipulieren lässt.

Und auch das ist gut so!

In diesem Sinne

Alles Liebe …

Deine Daniela

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