
Entstehen und Vergehen – Der Wendepunkt des Sommers
Entstehen und Vergehen – Wenn beides gleichzeitig da ist.
Eigentlich hat der Sommer gerade erst begonnen.
Es ist noch nicht Herbst, aber die Radieschen sind schon alle aufgegessen.
Die ersten Reihen in den Beeten sind abgeerntet. Ich habe Sonnenblumen nachgesät. Man kann sie bis in den Juni hinein aussäen. Üblicherweise blühen die dann noch. Falls die Schnecken, die sich in diesem Jahr erbarmungslos an meinen Pflänzchen weiden, nicht schneller sind.
Unser Garten ist klein. Ein Gemüsebeet und ein paar Mini-Obstbäume liefern kleine Erträge, über die wir uns Jahr für Jahr freuen. Das eigene Gemüse ist ein Hochgenuss und unvergleichlich im Geschmack.
Auch wenn die Beetfläche nicht mehr als ein paar Quadratmeter umfasst, reicht dies aus, um mir sehr genau aufzuzeigen, wie das mit dem natürlichen Kreislauf von Entstehen und Vergehen eigentlich gemeint ist.
Entstehen und Vergehen – Wenn Das Frühjahr dem Sommer die Hand reicht
Wie geht es weiter, wenn das Frühjahr mit seiner explosiven Wachstumskraft den Staffelstab an den Sommer abgibt? Wie geht es weiter, wenn draußen nicht mehr alles ausschließlich Wachstum ist? Und wie fühlt sich das an, wenn klar ist, dass die Tulpen für dieses Jahr fertig sind? Da kommt nix mehr! Etwas ist zuende gegangen. Jetzt schon!
Im vergangenen Jahr hat es mich zum ersten Mal richtig erwischt. Da war plötzlich eine Trauer, die ich noch in keinem Jahr zuvor so deutlich gespürt habe. Jedenfalls nicht am Beginn des Sommers. Ich konnte das starke Gefühl der Traurigkeit zunächst gar nicht richtig zuordnen. Eigentlich fängt doch jetzt alles erst richtig an. Oder?
Warum werde ich plötzlich traurig?
Entstehen und Vergehen – Nebeneinander, nicht nacheinander
Es fordert mich auch bei anderen Dingen heraus, wenn alles gleichzeitig geschieht. Nebeneinander, nicht nacheinander. Fühlt sich an wie Chaos. Fast so, als wäre ich auf irgend etwas nicht richtig vorbereitet. In diesem Fall geschieht es, dass die ersten Sonnenblumenblüten schon die Köpfe hängen lassen, während im selben Beet einige Kolleginnen noch keinen Blütenansatz zeigen. Entstehen und Vergehen zum selben Zeitpunkt. Können die sich nicht an die Regeln halten? Tja…. an welche Regeln?
Da ist noch längst nicht die volle Kraft des Herbstes am Werk, die wir ja alle leicht zuordnen, verstehen und erklären können. Mit herabfallendem Laub. Mit Loslassen, goldenem Oktober, Erntedank und allem, was dazu gehört. Das ist es nicht. Es ist mehr wie eine subtile Erinnerung an das Unvermeidliche. Eine Aufforderung, die Spielregeln, nach denen wir alle funktionieren, einmal etwas präziser zu erfassen. Jeden Tag der Hinweis „Schau genau hin, es ist alles da!“
Wenn die Tage kürzer werden, beginnt der Sommer
Erst dann, wenn die Tage wieder kürzer werden, beginnt der Sommer. Erst wenn die Sonne ihren Wendepunkt durchlaufen hat, fällt der Startschuss für die heißeste Jahreszeit. Der Rückgang des Lichts und die Zunahme der Temperaturen geschehen gleichzeitig. Klingt wie ein Pradoxon. Es ist ein Wendepunkt, wie es viele gibt in den natürlichen Ordnungen.
Was gibt es sonst noch für Wendepunkte? Hier sind einige, die mir einfallen:
- Gerade habe ich gefrühstückt, ein paar Sachen im Haus in Ordnung gebracht und schon ist der Vormittag rum. Noch Mittagessen und schwupp, sind wir in der zweiten Tageshälfte angekommen. Es ist so selbstverständlich, dass ich es im Alltag kaum bemerke.
- Beim Tanzen, drehen und wenden wir uns. Wir machen Schritte in unterschiedliche Richtungen. Passend zu den erklingenden Rhythmen bewegen wir uns mal hierhin, mal dorthin. Dreh- und Wendepunkte ohne Ende…
- Wenn wir Kinder großziehen, gibt es ebenso Wendepunkte. Gestern hat das Kind laufen gelernt, seit heute kann es Fahrradfahren. Gerade ist sie eingeschult und prompt ist das erste Schuljahr rum. Ein paar Kurskorrekturen und Fahrplanänderungen im Werdegang und plötzlich hält sie das Abschlusszeugnis in der Hand. An welcher Stelle waren die Wendepunkte, die immer wieder für neue Richtungen sorgten? Habe ich etwas verpasst? Warum löst der Blick auf das so schnell erwachsen gewordene Kind Glücksgefühle und Traurigkeit zugleich aus?
- Der Beginn oder das Ende einer Beziehung ist immer mit (meist kriseligen) Wendepunkten für die Betroffenen Partner verbunden.
- Die Mondphasen sind, ebenso wie die Umlaufbahnen unserer Planeten, von Wendepunkten gezeichnet. Zyklen reihen sich aneinander und bestimmen Strömungen, nach denen wir unser Leben gestalten. Oft merken wir es nicht, wie sehr wir von vorgegebenen Rhythmen und Abläufen bestimmt werden. Das Leben ordnet sich mithilfe dieser Gesetzmäßigkeiten immer wieder neu, es funktioniert auf diese Weise.
Fallen dir noch andere Wendepunkte ein? Schreib sie gerne in die Kommentare.
Wendepunkte und unsere Vorstellung von Zeit
Wendepunkte sind an unsere Vorstellung von Zeit gekoppelt. Gibt es sie im zeitlosen Raum überhaupt? Ich weiß es nicht, weil es mir schwerfällt, in diesen Größenordnungen zu denken.
Was wäre, wenn wir nicht unser gesamtes Leben in Dimensionen von „Dauer“ und „Zeit“ einteilen würden? Wir könnten dem Formlosen Anteil in uns etwas mehr Aufmerksamkeit schenken. Hätten wir eine stärkere Verbindung zu unserer formlosen Quelle, so würden wir leichter erkennen, dass das zyklische Hin- und Herschwingen aus dem Leben selbst heraus entsteht. Das Leben schwingt! Es setzt etwas in Gang. Und wir alle befinden uns mittendrin.
Huiiii…. Halte dich fest, es geht wieder rund….
Wendepunkte können uns Sicherheit geben
Wendepunkte helfen uns, Strukturen zu erkennen, nach denen wir uns ausrichten können. Durch die Rhythmik, der alles unterliegt, entsteht ein Gefüge, welches uns Sicherheit geben kann. Es bietet uns Orientierung, wenn wir uns darauf verlassen können, dass die Sonne ihren vorbestimmten Lauf nimmt. Darum sind Tagesroutinen und verlässliche Ankerpunkte im Alltag so kraftvolle Helfer in Zeiten von Unsicherheit und Unruhe.
Ich musste fast sechzig Jahre alt werden, bis sich mir diese Zusammenhänge tiefer erschlossen haben. Hat mein Blick sich verändert? Vielleicht habe ich genug Wendepunkte erlebt, um die subtilen Informationen, die in den natürlichen Prozessen der Veränderung stecken, körperlich zu spüren. Ich wittere sie irgendwie. Im Lebensherbst erkennen wir die besonderen Aspekte des jahreszeitlichen Herbstes deutlicher als in früheren Jahren. Da gesellt sich Herbst zu Herbst. Der innere Herbst orientiert sich am äußeren Herbst. So in etwa.
Möglicherweise ist es jetzt „dran“, dass sich mir die feineren Schwingungen unseres Seins einmal mehr offenbaren. Das kann einen schon mal aus der Fassung bringen. Und traurig machen.
Wie ist es bei dir? Erkennst du heute feinere Zusammenhänge als in der Zeit, als du halb so alt warst wie jetzt?
Enststehen und Vergehen – noch eine weitere festgeschriebene Lebensregel:
Ganz sicher ist es auch so, dass die Verdrängung unkomfortabler Gefühle und Gedanken, die an den Aspekt des eigenen Vergehens gekoppelt sind, mit fortschreitendem Alter immer weniger funktioniert. Auch das ist eine festgeschriebene Lebensregel, denen wir Menschen unterliegen. Wir stecken in diesem Prozess ja selbst unmittelbar drin. Wir stehen (mal wieder) an einem Wendepunkt.
Und dann ist es plötzlich da. Das Erkennen, dass alles zur gleichen Zeit geschehen darf. Du kennst das Yin/Yang-Bild, welches zeigt, dass jeweils in der weißen Fläche ein schwarzer und in der schwarzen Fläche ein weißer Punkt existiert. Niemals gibt es nur das eine ohne das andere. Auch mitten im Vergehen liegt schon das Versprechen und der Ansatz des neuen Anfangs. Eigentlich wissen wir das. Und vergessen es gerne…
Die Natur mit ihren polaren Strukturen zeigt uns in vielen feinen Perspektiven, wie das Leben funktioniert. Sie gewährt uns einen Blick in das Prinzip von Ewigkeit. Wir brauchen nur offene Augen und einen offenen Geist, um es zu erfassen.
In diesem Sinne …
Alles Liebe …
Deine Daniela