
Ich bin wütend! – Wenn die Wut spürbar wird
Ich bin wütend! – Wenn unsere Wut sich nicht länger zurückdrängen lässt.
Manchmal baut sie sich schrittweise auf, manchmal kommt sie plötzlich. Möglicherweise spüren wir schon eine Zeitlang, dass etwas im Busch ist. Wir wissen gar nicht immer so genau, was unsere Zündschnur angefackelt hat. Und warum sie heute so kurz ist.
Am Ende reicht dann oft eine Kleinigkeit, und es rummst.
Wann hast du einen Umgang mit deiner Wut gelernt? Hast du das überhaupt jemals? Hat dir irgendeine Person vorgelebt, wie Wut geht? Hat es dich jemand gelehrt? Hast du aus Büchern etwas über den richtigen Umgang mit Wut erfahren? Geht das überhaupt? Kann ein Buch einen angemessenen Umgang mit Wut vermitteln? Gibt es einen „richtigen“ Umgang mit Wut?
Ich bin wütend! – Die Mutter
In meiner Herkunftsfamilie war es die Mutter, die wütend wurde, wütend war. Mein Vater hatte seine Wut (wie auch alle anderen Emotionen) so sehr unter Kontrolle, dass es die Wut meiner Mutter regelrecht in Brand setzen konnte.
Ich habe früh gelernt, lieber nicht wütend zu werden. Das war der Part, den mein Bruder erfüllte. Dann ging auch schon mal etwas kaputt. Wenn das passierte, wurde meine Mutter umso wütender und geriet sich selbst zeitweise vollkommen außer Kontrolle. Die Wut eines ganzen (kleingehaltenen) Lebens entlud sich dann über meinem Bruder. Ich war „nur“ Zeugin.
Ich weiß, dass es in unserer Generation in vielen Familien ähnlich zuging.
Ich bin wütend! – Der Vater
Bei meinem Mann Thomas war es der Vater, der sich selbst mitsamt seiner Wut oftmals nicht im Griff hatte. Wurde Thomas einmal wütend hieß es: „Kleine Jungen haben nicht wütend zu sein“! Dann bekam er die unkontrollierte Wut des Vaters zu spüren.
Bei Thomas hat Wut bis heute keinerlei Akzeptanz. Thomas sagt, dass er keine Wut hat und auch nicht haben will. Er spürt, dass ihn das Thema Wut aus der Präsenz zieht. Er mag sich damit nicht belasten. Die Beschäftigung mit Wut zieht ihn nicht nur aus der Präsenz, sie zieht ihn runter.
Haben wir keinen angemessenen Umgang mit unserem großen Gefühl „WUT“ gelernt, so hat sie eine ungeheure Zerstörkraft. Außerdem hat sie dann große Macht über uns. Geht sie einmal so richtig mit uns durch, leiden wir selbst und andere oft unter dem, was im Rahmen eines „Wutanfalls“ so alles kaputt gehen kann.
Verdrängen wir unsere Wut allerdings, so schwelt sie im Körper und kann uns – manchmal lange unbemerkt – das Leben ganz schön zur Hölle machen.
Unterdrückte Wut
Ich behaupte, dass unterdrückte Wut Ursache vieler Krankheitssymptome ist.
Von Bluthochdruck bis zu Autoimmunerkrankungen. Unsichtbare und vor allem ungefühlte Wut mischt überall gerne mit.
Über lange Zeiträume hatte ich immer wieder heftige Schwindelattacken. Irgendwann habe ich angefangen, ihnen tiefer nachzuspüren. Ich habe einfach immer weiter und weiter hinein gefühlt. Bin dem gefolgt, was sich als nächstes zeigte. Am Ende des Spürens traten schließlich zwei große Gefühle auf, die unmittelbar etwas miteinander zu tun zu haben schienen.
Wut und Hilflosigkeit.
Der Schwindel fachte das Gefühl der Hilflosigkeit gnadenlos an und das machte mich unglaublich wütend. Das ging so weit, dass ich irgendwas fest greifen musste. Manchmal habe ich meine Finger in ein Kissen gekrallt, um den Druck abzubauen.
Irgendwann habe ich mir im Baumarkt ein Stück Schaumstoff für Heizungsrohre gekauft. Sehr zu empfehlen! Das gibt es in unterschiedlichen Größen. Es hat eine ziemlich feste Struktur und ist nicht teuer. Man kann es leicht in passende Stücke schneiden. Dann schmiegt es sich regelrecht in die Handinnenflächen. Zwei dieser Stücke gehören fest zu meiner Yogaausstattung. Wenn mich auf der Matte Wut oder Verzweiflung packt, habe ich etwas, was ich fest greifen kann.
Ich bin wütend! – Wenn wir ins Leere greifen
Der unbedingte Wunsch, etwas zu greifen gibt einen weiteren Hinweis auf eine mögliche Ursache von Wut.
Das Greifen gehört zu den primären Leibbewegungen. Das bedeutet, dass es nicht nur eine motorische Fertigkeit ist. Das Greifen ist essentiell wichtig für den Säugling, für das Kind, für uns Menschen. Die ergänzende Interaktion zum Greifen ist das „Ergriffen werden“.
Damit sich ein Kind gesund entwickeln kann, MUSS es die Erfahrung des Greifens und des (liebevollen) „Ergriffen werdens“ machen.
Greift das Kind wiederholt ins Leere, und/oder wird es zu wenig spürbar berührt, fehlt ihm etwas.
Ich behaupte, wir alle kennen das Phänomen, ins Leere zu greifen. Sowohl im körperlichen als auch im übertragenen Sinne. Erfahren wir in unserem greifenden Suchen nach den Eltern, nach anderen Menschen, nach der Welt immer wieder Ablehnung oder Ignoranz, erschüttert das unser Erleben von Wertigkeit, von Präsenz und von menschlicher Nähe. Unsere suchenden Hände bleiben leer. Irgendwann gewöhnen wir uns so sehr an unsere leeren Hände, dass wir nicht mehr merken, wie sehr uns Berührung und spürender Kontakt zu anderen Menschen fehlt. Unser Körper allerdings weiß sehr wohl, dass dort, wo eigentlich spürende Begegnungen sein sollten, eine große Leerstelle klafft.
Hilflosigkeit – Ohnmacht – Wut
Ebendiese Leerstellen verursachen gerne ein Gefühl von Hilflosigkeit oder Ohnmacht. Und wo Hilflosigkeit und Ohnmacht sind, gesellt sich in Folge häufig die Wut dazu.
Vielleicht bin ich wütend auf die Menschen, die es versäumt haben, meine frühen Bedürfnisse zu erfüllen. Wut auf unsere Eltern, unsere Lehrer, die Oma oder andere Personen, die etwas hätten ändern können. Auch wenn ich längst weiß, dass diese ihr Bestes gegeben haben. Mehr war für sie – und damit für mich – nicht drin. Möglicherweise bin ich wütend darüber, dass es mich bis heute beeinträchtigt.
Wichtig ist hier, nicht in der Wut stecken zu bleiben. Einmal erkannt, können wir sehr viel dafür tun, dass die früh entstandenen Leerstellen, nachgenährt werden. Das geht zunächst, indem wir unser Bedürfnis, etwas zu greifen, ernst nehmen und für genügend angenehme Greiferlebnisse sorgen. Das können wir selbst tun. Darüber hinaus tun wir gut daran, unsere Beziehungen „an-fassbarer“ zu gestalten. Lies dazu auch gerne den Blogartikel „Das Kuschelhormon – Die Welt braucht mehr Oxytocin“.
Die Wut der Wechseljahre.
Die amerikanische Gynäkologin Dr. Christiane Northrup hat in ihrem Buch „Weisheit der Wechseljahre“ ein Unterkapitel der „Wut der Wechseljahre“ gewidmet.
Neben dem großen Bedauern über so mache unerfreuliche Episode, diverse (Fehl-) Entscheidungen und vermeintliche Unzulänglichkeiten in der Vergangenheit, kann auch die Wut ein großes andauerndes oder wiederkehrendes Gefühl in den späten Jahren sein.
Was habe ich im Laufe meines Lebens alles mit mir machen lassen? Warum habe ich nicht beizeiten „Nein“ gesagt? Wie sehr habe ich mich verbogen, um irgendwem besonders zu gefallen? Warum habe ich nicht aufbegehrt, als Entscheidungen getroffen wurden, die sich für mich nicht gut anfühlten? Warum habe ich mich so vieles nicht getraut?
Ich bin wütend – unterdrückt und ausgebeutet
Dazu kommt, dass wir Frauen seit ewigen Zeiten der unterdrückte und ausgebeutete Teil der Menschheit sind. Kommen wir diesbezüglich ins Fühlen, kann uns das regelrecht auf links ziehen. Genau darum kann der Wutstau in uns unermesslich sein. Was wurde mit unseren Ur-Müttern angestellt? Was haben unsere Mütter erlitten? An welcher Stelle in der Reihe stehen wir?
Wenn dich also mal so richtig die Wut packt, dann sei nicht zu streng mit dir. Bedenke, dass es nicht nur allein die kleine Wut eines einzelnen Lebens ist. Du trägst eine Vergangenheit in dir, die über Generationen zurückreicht. Und die hat es in sich…
In diesem Sinne
Alles Liebe …
Deine Daniela
Das Bild zum Artikel stammt aus der Zeichnung eines vierjährigen Mädchens. Sie wollte mitten in einem Spiel die Spielregeln des Spiels verändern, stieß aber auf Widerstand bei den anderen (erwachsenenen) Mitspielerinnen. Das machte sie wütend. Daraufhin nahm sie sich spontan ein leeres Blatt Papier und einige Stifte, ging aus dem Raum hinaus und malte für sich allein ein Bild mit dieser Figur. Als sie fertig war, kam sie zurück in den Raum, legte das Bild auf den Tisch mit den Worten: „So sehe ich aus, wenn ich wütend bin.“
Was für ein konstruktiver und kreativer Umgang mit diesem großen Gefühl.
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