Im Widerstand – Ständig dem Fluss entgegen

Auf dem Bild befindet sich ein frau mit Brille. Sie schaut skeptisch. Folgende Sätze stehen auf dem Bild: Im Widerstand und Ständig dem Fluss entgegen


Im Widerstand – Ständig dem Fluss entgegen

Im Widerstand – Wie gut kannst du mit dem sein, was gerade ist?

Mein Yogalehrer eröffnet die Yogastunde meistens mit einem kleinen Ritual, indem er uns auffordert, es uns im Liegen bequem zu machen und – sofern es möglich ist – alles zu erlauben, was sich in uns gerade zeigt. Möglichst nicht im Widerstand mit der gegenwärtigen Situation sein, einfach nur wahrnehmen, wie ich gerade innerlich zurecht bin. Manchmal bekommt er unmittelbar einen Lachflash. Er weiß selbst ganz genau um die zahlreichen inneren Konflikte, die wir alle permanent austragen.


Der vergangene Sommer hat es uns gezeigt: Dreißig Grad sind nicht gleich Dreißig Grad.

Wenn die Sonne scheint, du bei dreißig Grad am Pool liegst und genüsslich an einem Stück Wassermelone knabberst, ist es nicht schwer, mit der Situation eins zu sein.

Aber wie ist es, wenn du arbeiten musst, das Thermometer schon morgens um zehn dreißig Grad anzeigt und du die halbe Nacht nicht geschlafen hast, weil im Schlafzimmer die Luft trotz offener Fenster stickig war?

Für mich war dieser vergangene Sommer (2026) eine riesige Herausforderung. Es gab, laut Wetterdiensten die meisten Hitzetage seit Messbeginn. Ein Tag wird als Hitzetag gezählt, wenn die Dreißig-Grad-Marke überschritten wird. Bereits ein morgendlicher Blick auf die Wetter-App reichte, um mich meinen inneren Widerstand deutlich spüren zu lassen. Dazu kam die unerbittliche Trockenheit. Die großzügig angekündigten Gewitter, fanden bei uns nicht statt. Schon wieder hat es bei uns nicht geregnet, obwohl Regen angekündigt war. Arrggghhhh…. Mein kleiner Gemüsegarten hat kräftig gedurstet in diesem Jahr.

In der Elektrotechnik gibt es den Widerstand auch. Ich bin mit einem Elektrotechniker verheiratet. Der Widerstand ist sozusagen die Bremse für den Strom. Etwas wirkt dem Stromfluss entgegen. Etwas begrenzt den Stromfluss. So verändert sich Energie. Die Energie wird dadurch nicht weniger, sie verändert sich nur. Der Widerstand selbst kann dabei erhitzen. Irgendwo muss die Energie ja hin. Und wenn der Widerstand zu stark erhitzt, wenn er den Energiefluss zu stark bremst, brennt er auch schon mal durch. 😉

Und wie ist das bei uns Menschen? Es macht müde, permanent im Widerstand zu sein. Ich kenne Zeitgenossen, die sind eigentlich immer „dagegen“. Dagegen zu sein, scheint für manche Menschen eine Lebensaufgabe zu sein. Gegen Krieg, gegen Volksverdummung durch Social Media, gegen die Klimaerwärmung und gegen Bananenschalen auf Bürgersteigen. Und so weiter…

Wie ist das bei dir? Womit bist du im Widerstand? Versuche einmal, ehrlich nachzuspüren, wo es gerade klemmt.

Betrachte ich mich selbst, spüre ich Widerstand besonders dann, wenn sich andere Menschen nicht so verhalten, wie ich es mir von ihnen wünsche. Das kann mein Gefühl für Ordnung empfindlich stören. Dieser Umstand fließt natürlich in die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen ein. Besonders in der Paarbeziehung lösen unser beider Widerstände hin und wieder einen Kurzschluss aus. Dann brennt uns auch schon mal die Sicherung durch. Wie konnte denn das schon wieder passieren?

Meistens erkenne ich selbst, dass das Problem nicht bei den anderen Menschen, sondern bei mir liegt. Diese Erkenntnis hat im Anfang empfindlich weh getan, hilft aber sehr, die anderen nicht für die eigene Unzufriedenheit verantwortlich zu machen.

Wie gut kann ich mit dem sein, was gerade ist? Nicht immer in dem Maße, wie ich es mir wünsche. Das fängt beim Wetter an, trägt sich über Rücken- oder Kopfschmerzen weiter und lässt auch die schlechte Nachricht, die ins Haus geflattert kommt, nicht aus.

Kann ich unter diesen Umständen mit dem in Frieden sein, was gerade ist? Kann ich das Wirklich?

Wir benötigen Kraft für den Widerstand. Und so macht es Sinn, einen bewussten Umgang damit zu lernen. Allzu oft sind wir mit der aktuellen Situation im Clinch und merken es nicht einmal. Wir hadern mit etwas, weil wir es gewöhnt sind, zu hadern und nicht weil es wirklich einen Grund zum Hadern gibt. Das schlaucht und macht uns unzufrieden.
Nicht vergessen: Der Widerstand erzeugt Wärme. Unter Umständen auch eine Überhitzung. Die äußert sich dann vielleicht in permanenter Ermüdung. Oder sogar in einem Burnout!

Wir hatten festgestellt, dass der Widerstand die Bremse für den Strom ist. Stelle dir einfach einmal die Frage, was du gerade ausbremst oder ausbremsen möchtest? Spüre noch einmal nach. Womit bist du jetzt gerade im Widerstand? Lohnt es sich, in diesem Punkt widerständig zu sein? Ändert es etwas, außer dass es dein Wohlbefinden torpediert?

Nun ist Widerstand nicht per sé etwas Schlechtes. Es gibt Situationen, in denen Widerstand unerlässlich ist. Ich selbst bin beispielsweise nicht mehr bereit, im größeren Umfang Dinge zu verrichten, die mir nicht gut tun. Manchmal ist es notwendig, dies klar zum Ausdruck zu bringen.

So gibt es etwa bei uns schon lange keine großen familiären Weihnachtstreffen mehr. Daran bin ich „schuld“. Corona hat mir diesbezüglich wunderbar in die Karten gespielt. Es geht auch anders! Und so habe ich mich, als es wieder möglich wurde, „groß“ zu feiern, den bis dahin gängigen Ritualen klar widersetzt. Es zeigte sich, dass wir ebenso gut in kleinen Gruppen zusammensitzen können ohne gewaltige kulinarische Extravaganzen. Bratäpfel, Weihnachtskekse, kandierte Nüsse und heiße Getränke tun es auch. Das ist gemütlich und stressfrei. Warum sollten wir es nicht weiterhin auf diese Weise zelebrieren?
Früher war ich regelmäßig nach einem größeren weihnachtlichen Gelage (inklusive Bewirtung der Gäste) so platt, dass ich Tage brauchte, um mich wieder stressfrei zu fühlen. Ist das der Sinn von Weihnachten?
Und mit Weihnachten ist es ja nicht getan. Kurz nach Weihnachten folgt – wie wir wissen – Silvester… drei Tage später mein Geburtstag. Danach wurde ich in früheren Jahren turnusmäßig erst einmal krank. Ich hatte mich restlos überfordert. Schluss damit!

Ziviler Ungehorsam ist auch eine Art des Widerstandes. Auch hier ist es ab und zu notwendig, sich bestimmten Vorgaben zu widersetzen. Wir wissen, dass zum Beispiel Seenotrettung eine völkerrechtliche Pflicht ist. Sie obliegt KapitänInnen, die sich mit ihrem Schiff in der Nähe von Unfallorten auf See und in Seenot geratenen Menschen befinden. Wird sie allerdings auf flüchtende Menschen angewendet, wird Seenotrettung plötzlich als gesetzwidrig gehandhabt. Hier gewichtet meiner Ansicht nach gesunder Menschenverstand höher als Vorschriften.

Besonders herausfordernd wird Widerstand, wenn er gegen die eigene Person gerichtet ist. Gegen die eigenen Innenwelten oder den eigenen Körper.

  • Ich möchte so nicht sein!
  • Warum mache ich immer den gleichen Fehler?
  • Meine Beine sind zu dick!
  • Ich hasse mich!
  • Nichts fühlt sich richtig an.
  • Und so weiter.

Laut meinen Recherchen sind in Deutschland nur 9% der Frauen tatsächlich mit ihrem Körper zufrieden. Das ist erschreckend wenig. Frage dich gerne an dieser Stelle noch einmal selbst, womit du gerade im Widerstand bist. Vielleicht kannst du es erkennen, wenn du einmal in deinen Bewegungsapparat hineinfühlst. Sind die Muskeln geschmeidig? Oder sind sie im Widerstand? Im Hartspann? Am Zustand unserer Muskulatur können wir leicht feststellen, ob wir innerlich eher die Tendenz zur Hingabe oder zum Widerstand haben.

Widerstand und Hingabe sehe ich als Gegenspieler. Zu was tendierst du mehr? So mancher Widerstand, der uns schon lange begleitet, fühlt sich unter Umständen so „normal“ an, dass wir ihm erst dann auf die Spur kommen, wenn er sich durch wachsende Beschwerden erkennbar macht. Wenn zum Beispiel Kiefer und Nacken schmerzen, weil wir die ganze Nacht lang die Zähne aufeinander gebissen haben.

Wir sind immer dann im Widerstand, wenn wir etwas anders haben wollen als es gerade ist. Hier beginnt der innere Konflikt.

Ist dies der Fall, lohnt es sich, einmal hinzuschauen, was es genau ist, dass wir anders haben wollen. Als zweites wäre dann festzustellen, ob ich an der gegenwärtigen Situation etwas verändern kann. Ist dies nicht möglich, weil ich beispielsweise schon seit zwei Stunden mit dem Auto im Stau stehe, und keine Chance habe, von der Autobahn runter zu kommen, könnte es hilfreich sein, jeglichen Widerstand loszulassen. Ich könnte mich der gegebenen Situation hingeben. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aber wir können es immer wieder üben. Habe ich etwas zu trinken und/oder zu essen dabei? Ist es möglich, einmal aus dem Auto zu steigen und ein paar Übungen zur Muskellockerung zu machen? Sind auch andere betroffen, mit denen ich meine Stimmung teilen kann?

Am besten üben wir die Hingabe an die gegenwärtige Situation an kleinen alltäglichen Widrigkeiten. Das Frühstück ist vorbereitet und ich freue mich auf meinen Kaffee. Beim Anschalten der Kaffeemaschine macht es ein kurzes komisches Geräusch und dann tut sie keinen Mucks mehr. Kaputt! Heute keinen Kaffee zum Frühstück. Muss mir das jetzt den gesamten Tag verderben?

Beobachte einmal, wie oft du täglich mit dem, was ist, im Widerstand bist. Sobald du das spürst, versuche, es deutlicher wahrzunehmen. Und dann lasse, wenn du kannst, locker. Ausatmen. Schultern runter. Kiefer locker. Versuche, mit dem zu sein, was gerade ist. Das kann man wirklich üben. Du kannst sicher sein, dass dies das Leben enorm viel leichter macht. Probiere es aus…

In diesem Sinne …                                                                 

Alles Liebe …

Deine Daniela

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Consuela

    Liebe Daniela, vielen Dank, so wahr und so schön geschrieben :)!
    Ich möchte noch sagen, dass sich im Loslassen und im „Widerstand aufgeben“ viele Dinge von alleine ordnen und sehr oft dahin bewegen, wo man sie eigentlich „haben wollte“, ganz ohne große Pläne, Mühe, Anstrengung usw.
    So ist zumindest meine Erfahrung auf die ich sehr vertraue.
    Liebe Grüße von Consuela

    1. Daniela

      Liebe Consuela,
      herzlichen Dank für diesen schönen Impuls.
      Und ja, das ist auch meine Erfahrung. Zuweilen verheddern wir uns auch in unserem Widerstand und wenn wir dann (manchmal auch mit einer gewissen Resignation) loslassen, fügt sich plötzlich alles ineinander.
      Nochmal danke für deine Worte…

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