
Mehr miteinander sein – Muss ich alles alleine schaffen?
Mehr miteinander sein – Muss ich wirklich alles alleine schaffen?
Ich bin zum zweiten Mal verheiratet.
Zwei Mal habe ich „Ja“ gesagt. Zwei Mal ein verbindliches „Ja“ zu einem Leben miteinander. Ein verbindliches „Ja“ dazu, viele Aspekte meines Daseins mit einem anderen Menschen zu teilen.
Als ich zum ersten Mal heiratete, war ich 22 Jahre alt, schwanger und ich dachte, es wäre für immer. Herz und Kopf waren voller Träume und Wünsche an die Zukunft. Gedanken des Zweifels wurden in eine innere Schublade gesteckt, die fest verschlossen und über eine lange Zeit konsequent nicht beachtet wurde. Zur damaligen Zeit fehlte mir eindeutig das Werkzeug, um die innere Schublade unfallfrei öffnen zu können.
Mehr miteinander – Wie geht Ehe?
Ich wusste nicht viel davon, wie Ehe geht. Meine Eltern haben es über dreißig Jahre lang versucht, trennten sich nach unzähligen Kämpfen und Enttäuschungen und sprachen seit der Trennung bis zu ihrem Tod kein Wort mehr miteinander.
Woher hätte ich also wissen sollen, wie Ehe geht? Wie Liebe geht? Wie Verbindung, wie Miteinander geht?
Mein erster Mann und ich trennten uns nach 19 Jahren. Wir hatten drei Kinder in unterschiedlichen Altersstufen. Eine schwierige Trennung für alle Beteiligten. Ich war wirtschaftlich komplett von IHM abhängig. Der Neuanfang war zäh und voller kleiner und großer Dramen. Trotz alledem fühlte sich dieser Schritt richtig an. Nach langer Zeit zum ersten Mal wieder ein eigenes Bankkonto und erstmalig überhaupt ein eigenes Auto. Es dauerte Jahre, bis wir als Eltern die Verantwortung für unsere Kinder wieder gemeinsam mithilfe guter Absprachen tragen konnten. Heute verbindet uns ein freundschaftliches Miteinander.
Nach der Trennung wollte ich niemals wieder von einem Mann abhängig sein.
Ich wollte es alleine schaffen!
Ich wollte es lieber alleine schaffen! Meine mühsam errungene Unabhängigkeit unter allen Umständen bewahren. Und notfalls verteidigen!
Und jetzt?
Ein paar Jahre lang funktionierte das mit der Unabhängigkeit gut. Bis es sich irgendwann überhaupt nicht mehr gut, und vor allem, nicht mehr richtig anfühlte.
Als ich mit 55 Jahren zum zweiten Mal „Ja“ sagte, waren die Voraussetzungen vollkommen anders. 33 Jahre älter, 33 Jahre mehr Lebenserfahrung und diesmal tat ich es aus voller Überzeugung. Thomas und ich lebten bereits seit 10 Jahren miteinander, hatten einige schwierige Episoden überstanden und navigierten uns gerade einigermaßen erfolgreich durch die Coronazeit. Alle Kinder waren verselbständigt und probieren heute ihre Art des „Miteinanders“ mit ihren PartnerInnen aus.
Da saßen wir. Thomas und ich. Im Trauzimmer. Nur wir beide vor der Standesbeamtin. Wir hatten niemandem von unserem Plan erzählt. Wegen Corona waren Gäste sowieso nicht erwünscht. Irgendwie spielte uns das in die Karten. Alles hübsch klein und überschaubar. Eine Hochzeit mit großem Tamtam hatten wir beide hinter uns.
Heute sind wir verbunden – miteinander!
Heute sind wir verbunden. Mit Haut und Haar. Und Geld und Firma. Und Auto. Verbunden oder abhängig? Nenne es wie du willst. Da unsere wirtschaftlichen Grundlagen ziemlich übersichtlich sind, gibt es – streng genommen – tatsächlich Abhängigkeiten. Jedoch fühlt es sich für mich in keiner Hinsicht unfrei an. Ich nehme an, dass es damit zu tun hat, dass ich meinen Wert als Menschen inzwischen kenne. Unabhängig von Einkommen oder wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
Nach vielen Jahren, in denen es mir wichtig war, dass wir getrennte Konten hatten, es zwei Autos (und ebensoviele Schlafzimmer) gab, sehnt sich heute alles in mir nach Verbindung. Darum erlebe ich unsere Ehe überhaupt nicht als Abhängigkeit. Nie zuvor im Leben war der Wunsch in mir stärker, mehr MITeinander statt NEBENeinander zu sein.
Diese neue Art der Verbindung fühlt sich schön und richtig an. Nicht nur für mich. Bei meinem Mann Thomas ist es ebenso. Egal, ob es sich um die Erledigung des Wocheneinkaufs, die jährliche Steuererklärung, unsere Sexualität oder um die wechselseitige Begleitung gelegentlicher Wachstumsschmerzen handelt, kurz gesagt: um die üblichen Herausforderungen einer Paarbeziehung, hat das Leben uns zu einem guten Team zusammen wachsen lassen.
Sind wir Menschen als Einzelgänger angelegt?
Wo steht geschrieben, dass wir es unter allen Umständen alleine schaffen müssen? Sind wir Menschen dafür gemacht? Sind wir wirklich als Einzelgänger angelegt? Ich behaupte: Nein! Sind wir nicht. Vielleicht wurde es uns erzählt. Als erstrebenswert erachtet. Vielleicht haben wir darüber gelesen, dass es wichtig wäre. Aber als soziale Wesen geschaffen, tragen wir ein tiefes Sehnen in uns, mit Artgenossen zu sein. Auch dann, wenn wir aufgehört haben, dieses Sehnen zu spüren.
Leider ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Verbindung in unseren gesellschaftlichen Strukturen manchmal auch Abhängigkeit bedeutet. Da ein großer Teil der Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen verrichtet wird, immer noch keinen volkswirtschaftlich anerkannten Status hat, sind es vor allem die Frauen, die in ungesunde Abhängigkeiten geraten. Und ebenso leider lässt eine verlässliche Grundversorgung für jede Frau immer noch auf sich warten.
Bei knappen Einkommensverhältnissen oder bei Alleinerziehenden zahlen aus genau diesem Grund nicht selten die Kinder den Preis für eine verfehlte Sozialpolitik. Sie zahlen den Preis in Form von viel zu frühen und zu langen Aufenthalten in Tageseinrichtungen. Die stattfindende Debatte um das hohe Maß an psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sollte auch an dieser Stelle ansetzen und Korrekturen veranlassen.
Mehr miteinander verlangt innere Freiheit
Wollen wir uns als Partner und generell als Menschen wirklich miteinander verbinden, so gelingt dies vor allem in innerer Freiheit. Die Qualität der Verbindung zu anderen Menschen ist gekoppelt an die Qualität der Verbindung zu uns selbst. Lies gerne im Blogartikel „In (Selbst-) Verbindung“ wie du die Verbindung zu dir selbst vertiefen und stabilisieren kannst.
Miteinander bedeutet:
- aktiv Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme zu Anderen finden und ausprobieren, was geht.
- sich nicht in seinen vier Wänden einzuschließen, um höchstens noch durch den Türspion mit anderen zu interagieren.
- sich von anderen Menschen auch einmal aus seiner Tagesroutine bzw. aus seiner Komfortzone herausholen zu lassen.
- Wahrhaftigkeit nicht nur buchstabieren zu können, sondern es sich zur Lebensdevise zu machen
- sich für andere sichtbar und (in einem gesunden Rahmen) verfügbar zu machen.
- zu sagen: Ich tue das gerne für dich. Auch wenn ich selbst (wirtschaftlich) nichts davon habe.
- seinen Mitmenschen erst einmal Gutes zu unterstellen. Besonders dann, wenn es sich im Kontakt mit ihnen zunächst nicht so anfühlt.
- einen Vertrauensvorschuss zu leisten
Miteinander geht übrigens auch online. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich für mich alleine auf meiner Matte eine Yogastunde zelebriere oder ob ich online in der Gruppe mitmache. Der Platz und auch die Übungen selbst sind zwar die Gleichen, die Intensität ist jedoch ungleich höher in der (Online-) Gemeinschaft. Dasselbe gilt für die Meditation. In der Gruppe zu meditieren (das geht tatsächlich auch online!) verschafft eine spürbar tiefere Ruhe. Außerdem schaffen wir eine größere Kohärenz, wenn wir gemeinschaftlich meditieren oder Yoga praktizieren.
Wie wäre es für dich, wenn du heute beschließt, dich mehr mit anderen Menschen zu verbinden? Wie sähe der erste Schritt aus, den du gehen würdest? Und was bedeutet miteinander überhaupt für dich? Schreib gerne etwas dazu in die Kommentare.
In diesem Sinne …
Alles Liebe …
Deine Daniela
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