Verstehe mich! – Vom Druck, uns permanent zu rechtfertigen

Auf dem Bild sind ein Mann und eine Frau abgebildet, die miteinander sprechben. Außerdem die Sätze: Verstehe mich! und Vom Druck, uns permanent zu rechtfertigen.


Verstehe mich! – Vom Druck, uns permanent zu rechtfertigen

Verstehe mich! – von endlosen Erklär – Monologen.

Ich erkläre mich!

Immer und immer wieder ertappe ich mich dabei, anderen Menschen sehr ausführlich darzulegen, warum ich diese oder jene Entscheidung getroffen oder halt nicht getroffen habe. Ich glaube, es ist schon etwas pathologisch!


Ich kann nicht zu deinem Geburtstag kommen, weil… und weil… und weil…

Habe heute drei größere Teile im Internet bestellt, weil…. und weil… und weil…

Ich konnte nicht früher da sein, weil… und weil… und weil…

Und so weiter.

Kommt dir das vertraut vor?

Früher habe ich das nicht so gemerkt aber irgendwann fiel es mir auf. Und weißt du, was mir noch auffällt?

Ich bin nicht die einzige!

Mein Mann Thomas beherrscht das locker genauso gut wie ich.

Alle tun´s!

Menschen, die wenig Geld verdienen, rechtfertigen sich dafür, dass sie wenig Geld verdienen.  Andere, die über ihr Business plötzlich zu viel Geld kommen, erklären tausendfach, dass sie endlich wissen, wie man zu Geld kommt und sie nun praktisch stündlich jede Menge Geld verdienen, auch wenn sie nichts mehr dafür tun müssen. Interessiert mich das überhaupt? Manche rechtfertigen sich dafür, dass sie immer noch Fleisch essen, andere für die Automarke, die sie fahren oder dafür, dass sie ihre Lebensmittel online kaufen.

Es gibt sogar Menschen, die sich dafür rechtfertigen, krank geworden oder einfach nur am Leben zu sein.

Hallo… ? Sind wir noch ganz bei Trost?

Kennst du den englischen Spruch „Don’t complain, don’t explain!“?
Übersetzt würde das bedeuten: Hör auf, dich zu beklagen und hör auf, dich zu erklären! Er wird der Royal Family zugeschrieben, die diesen Spruch als Motto für das britische Königshaus manifestiert haben soll.

Ein Lebensmotto, auf das ich tatsächlich etwas neidisch bin, ist es doch so schwer zu erfüllen.

Woher kommt dieses chronische Bedürfnis, uns für alles Mögliche zu rechtfertigen? Es gibt eine regelrechte Erklär- und Rechtfertigungsmanie! Welcher Druck steckt dahinter?

Ich wage ein paar Antworten.

Du sollst mich verstehen! Verstehen, warum ich was denke, sage oder tue. Und zwar möglichst genau. Ich erkläre es dir, ob du das jetzt hören willst oder nicht! Auch mehrmals.

Es ist mir unendlich wichtig, dass du nichts Falsches von mir denkst! Wenn ich das Gefühl habe, dass bei irgendwem ein falscher Eindruck von mir entstanden sein könnte, hält mich das auch schonmal nachts wach. Kennst du das auch?

Was denken die anderen von mir? Wir tun gerne so, als wäre es uns egal. Ist es jedoch in den meisten Fällen nicht! Die anderen könnten denken, ich sei vielleicht faul oder hätte einen schlechten Schulabschluss. Sie könnten denken, ich würde mich mit irgendwas nicht auskennen, würde die Klimakrise nicht ernst genug nehmen, hätte zu wenig Kuchen eingekauft, die Stromrechnung nicht bezahlt oder die 42. Folge der Vorabendserie verpasst. Naja… und so weiter…

Ist es dir schon einmal passiert, dass du, während du in einen Erklärungswahn geraten bist, die Absurdität deines eigenen Handelns erkannt hast? Vielleicht hast du beim Aussuchen eines Geschenks für die Freundin nicht richtig überlegt und irgendetwas gekauft, womit sie womöglich nichts anfangen kann.
Nur um ein Geschenk in der Hand zu haben, hast du für etwas Geld ausgegeben, was überhaupt nicht zu ihr passt. Hast du es ihr dann einmal überreicht, preist du es ihr in den tollsten Farben an, und merkst im Grunde selbst, wie absurd die Situation sich darstellt. Nur kommst du aus der Nummer gerade irgendwie nicht raus, ohne deine Würde einzubüßen.

Auch eigene Unsicherheiten werden gerne durch ausführliche (und manchmal recht absonderliche) Erklärungen kaschiert. Wenn ich nur lange genug rede, sodass der/die Andere nicht dazwischen kommt, merkt er/sie vielleicht nicht, dass ich über das Thema im Grunde genommen nicht viel weiß.

Egal ob es sich um einen gemachten Fehler, einen Irrtum oder um Halbwahrheiten, die ich zum Besten gebe, handelt, etwas tausendfach in schillernden Farben zu erklären, hilft beim Vertuschen. Dabei entsteht allerdings oft ein Paradox. Es ist wirklich verrückt, denn je lauter ich erkläre, umso unsicherer fühle ich mich. Selbstverständlich ist mir klar, dass ebendiese Unsicherheit auch meinem Gegenüber nicht verborgen bleibt. Trotzdem komme ich auch in einem solchen Fall aus der Situation nur schwer wieder raus, ohne das Gesicht zu verlieren.

Eine zentrale Botschaft, die ich mit diesem Verhalten zu übermitteln beabsichtige, lautet: „DU SOLLST NICHT MERKEN!“

Nicht merken, dass…

  • ich es nicht so genau weiß
  • ich mich von anderen Menschen so abgeschnitten fühle
  • heute nicht gekocht wurde, weil ich den ganzen Vormittag im Buchladen gestöbert habe
  • ich mich davor fürchte, allein im Dunkeln nachhause zu gehen
  • ich mich heute so traurig fühle
  • ich echten Mist gebaut habe

Lieber reden wir uns um Kopf und Kragen, finden Ausflüchte und Erklärungen und tragen eine Mauer aus Worten wie einen Schutzschild vor uns her.

Verstehe mich! Es ist unser Ego, welches die Grundlage des ewigen Rechtfertigungsmarathons bildet. Unser gnadenloser Perfektionismus treibt uns dazu.
Stelle dir einmal selbst die Frage, wie gut du wirklich mit Kritik umgehen kannst. Was ist, wenn andere sehen, dass du ins Stolpern geraten bist? Oder wenn dir ein – für alle sichtbarer – Fehler unterlaufen ist? Wie sicher fühlst du dich generell in deinem Handeln?
Menschen mit einem ordentlichen Maß an Selbstsicherheit haben das Bedürfnis, sich permanent zu rechtfertigen, nicht so sehr. Sie kennen ihren Wert als Menschen und wissen, dass Fehler und Irrtümer zum Menschsein dazugehören. Das macht sie nicht kleiner.

Wenn du merkst, dass du wegen irgendwas in Erklärungsschleifen gerätst, dann halte einfach mal inne und stelle dir folgende Fragen: „Wird der Mond sich weiter um die Sonne drehen, obwohl ich zu spät zum Termin gekommen bin?“ oder „Wurde jemand verletzt, nur weil ich vergessen habe, die rote Bluse rechtzeitig zu waschen?“, „Ist das Buch irreparabel zerstört nur weil ich vorhin versehentlich eine Tasse Tee drüber ausgeleert habe?“

Bei Thomas ist es auch schonmal das fachliche Knowhow, welches er mit höchster Wonne an jeden weitergibt, der es hören oder nicht hören möchte. Er hat sich über die Jahre ein riesiges Gitarrenwissen angeeignet. Glaube mir, er kennt sich aus! Bis ins kleinste Detail kann er dir erklären, warum die Saite schnarrt oder der Verstärker das Instrument dumpf klingen lässt. Und er tut es!

Ich behaupte, dass wir das alle kennen. Als ich frisch aus der bestandenen Heilpraktikerprüfung kam, war mein schulmedizinisches Wissen auf seinem Höchststand. Damit habe ich gerne in Gesprächsrunden gepunktet oder auch mal das Thema in die entsprechende Richtung gelenkt.

Welches ist dein Fachgebiet? Beobachte dich mal selbst. Und sei ehrlich. Tendierst du dazu, anderen deine Kenntnisse ungefragt aufs Auge zu drücken?

Wie bei allem ist Maßhalten die große Kunst. Das richtige Maß macht´s. Eine kurze, knappe Erklärung, warum ich es so gemacht habe und dann abwarten, ob es Nachfragen gibt. Niemand hat Freude daran, endlosen Erklärungsmonologen zu folgen.

Bleibt noch die Frage: Was tun, wenn endlose wortreiche Erklär- Monologe eines anderen Menschen mich in Stress versetzen?
Da gibt es wohl kein Patentrezept. Natürlich darf ich mich auch aus einem solchen Kontext höflich zurückziehen, ohne mich großartig erklären zu müssen.
Manchmal ist das jedoch nicht so einfach. Für mich kommt es immer drauf an, um wen es sich handelt, der da mit mir spricht. Ist es ein einsamer Mensch, der froh ist, dass jemand sich für ihn interessiert? Dann höre ich auch schonmal etwas länger zu. Ist es eine vertraute Person? Dann kann ich – möglichst schon bevor mein Limit erreicht ist – geradeheraus sagen, dass ich gerade nicht in der Lage bin, die vielen Informationen aufzunehmen.

Mich würde tatsächlich interessieren, wie du mit einer solchen Situation umgehst. Schreibe dazu gerne etwas zu in die Kommentare.

Und was kannst du tun, wenn jemand dich durch permanentes Hinterfragen in Erklärungsnot bringen will? Dann darfst du definitiv mit gutem Gewissen aus solchen „Gesprächen“ aussteigen. Ziehe dich einfach, je nach Gesprächsumstand mit den Worten „Das hatte ich bereits gesagt“ oder „Mehr möchte ich dazu nicht sagen“ aus einer solchen Lage zurück.

Fühl dich frei, auch dazu etwas in die Kommentare zu schreiben. Ich freue mich auf Austausch…

In diesem Sinne …

Alles Liebe …

Deine Daniela

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