Was will das Leben von mir? – Und ich von ihm?

Auf dem Bild sitzt eine Frau mit Brille auf einem Baum. Außerdem steht dort die Texte Was will das leben von mir? und Und ich von ihm?


Was will das Leben von mir? – Und ich von ihm?

Was will das Leben von mir? – Und was will ich noch vom Leben?

Meine Schwester ist gestorben.

Auch wenn sie gesundheitlich nicht mehr so gut zurecht war, kam ihr Tod plötzlich. Am Vortag ihres Sterbens war sie noch selbständig einkaufen gewesen. Sie wohnte viele Kilometer weit weg und es ist lange her, dass wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Zuletzt telefoniert hatten wir etwa einen Monat vor ihrem Tod.


Erfahren habe ich es allerdings erst zwölf Tage nachdem sie gestorben war.

Warum?

Weil es einige Kontaktabbrüche innerhalb der Familie gibt und die hinterlassenen Informationen zunächst nichts anderes hergaben.

Stirbt jemand aus der Familie, so werden familiäre Besonderheiten sichtbar. Der Einschnitt ist krass. Es fühlt sich an als ob man ein altes, lange nicht benutztes Sofakissen einmal kräftig ausschüttelt. Das wirbelt nicht nur Staub auf, vielleicht sind auch ein paar Mottenlöcher drin oder die Farbe ist komplett verblichen. Es ist nicht mehr das Alte und es führt auch kein Weg dorthin zurück.

Wir Übriggebliebenen müssen uns neu ausrichten. Stehen plötzlich anders zueinander. Da fehlt doch wer. Präferenzen, wer mit wem besser kann, bilden sich unter Umständen neu und bisherige eingefahrene Strukturen zerbröseln wie altes Toastbrot.

Und zwischen allem drängelt sich nicht nur bei mir eine Frage immer wieder an die Oberfläche. Vor dem Hintergrund, dass es auch mal schnell gehen kann, frage ich mich: Was will ich noch vom Leben und vor allem, was will das Leben noch von mir?

Ich bin schließlich noch da. Für mich (und alle anderen Hinterbliebenen) geht das Leben weiter.

Wie sehen meine Wünsche und Träume im fortgeschrittenen Alter aus? Gibt es weiterhin welche? Und habe ich überhaupt noch genug Zeit, meinen Wünschen zu folgen und meine Träume lebendig werden zu lassen? Geht da noch was?

Ich behaupte: Ja!

Natürlich geht da noch was. Wenn wir es zulassen, dass sich Wünsche ans Leben altersgemäß ergeben, dann gibt es noch viel zu tun. Und bevor hier ein Shitstorm losbrennt, erkläre ich noch kurz, wie das mit dem „altersgemäß“ gemeint ist. Wenn wir mit fünfundsechzig den Wunsch hegen, nochmal schwanger zu werden oder wie eine Zwanzigjährige auszusehen, dann hat das in meinen Augen mit altersgemäß nicht allzu viel zu tun. Auch dann nicht, wenn dies mittlerweile medizinisch machbar wäre.
Wollen wir allerdings endlich das Buch schreiben, von dem wir ein Leben lang geträumt haben oder nochmal eine Selbständigkeit beginnen, worauf dann noch warten?

Ich finde es extrem befriedigend, immer wieder Neues auszuprobieren, ohne den Druck, dass alles, was ich anpacke, gelingen muss. Wie ein Kind darf ich aus der Selbstverbindung heraus antesten, was geht oder nicht geht. Ich darf immer noch neue Freundschaften schließen und mich an unentdecktes Terrain wagen. Von neuen Brotbackrezepten über mein Romanprojekt bis zur Firmengründung ist Versuch und Irrtum ab sofort mein Leitfaden.

Mit meinem Mann Thomas (er ist inzwischen Rentner „im zweiten Lehrjahr“) habe ich mit seinem Renteneintritt tatsächlich eine GbR gegründet. Das hatte ich vorher noch nie getan. Eine sehr spannende Herausforderung für jede bestehende Partnerschaft.

Im Übrigen macht es Sinn, die eigene Ausrichtung mal wieder zu überprüfen und gegebenenfalls Kurskorrekturen durchzuführen. Ich darf das Leben als das betrachten, was es ist: Eine große Spielwiese für alle. Ich darf immer noch lernen. Und das Lernen macht so viel Freude, wenn wir es losgelöst von jeglichem Wettbewerb tun.

Was möchte ich also noch vom Leben? Ich – persönlich – wünsche mir, dass das Feld der Liebe in dem ich mich bewege, noch Zuwachs bekommt. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass ich schauen kann, an welchen Stellen ich noch mehr Liebe zum Ausdruck bringen kann. Selbst zu einem Feld der Liebe werden kann. Mehr Liebe praktizieren. Zum einen mir selbst gegenüber und daraus erwachsend auch in unterschiedlichen Kontexten. Nochmal neue Ausdruckweisen für meine Liebe zur Welt finden. Das gleiche gilt für Frieden. Manchmal reicht es schon, sich den bissigen Kommentar, der einem auf der Zunge liegt, zu sparen.

Ich möchte außerdem immer noch mehr in meine ursprüngliche Form hineinwachsen. Die Dinge in mir freilegen, die durch Konditionierungen, Trauma und Fremdbestimmung nicht mehr erkennbar waren. Ich möchte immer mehr Mensch werden. Immer mehr das „eins mit allem“ fühlen. Denn ich bin es sowieso. Darum macht es Sinn, endlich alle Widerstände aufzugeben, die mich von einem zufriedenen Leben trennen. Das ist nicht so leicht, wie es scheint, weil wir diese Widerstände zunächst (auf-)spüren müssen, bevor wir in die Lage kommen, sie zu überwinden.

Wer auf ähnlichen Wegen unterwegs ist, weiß genau, wovon ich schreibe.

Wer sein tiefes Selbst wirklich „freilegen“ möchte, kommt nicht daran vorbei, täglich in die Selbstverbindung zu gehen. In die Körperverbindung. Wie du weißt, empfehle ich für diesen Zweck gerne einen traumasensiblen Yoga und eine (möglichst gut erprobte) Meditationsart.
Ich möchte so gerne mit meinem Körper in Frieden kommen. Es geht auch darum, mich nicht mehr selbst für Dinge fertig zu machen, für die ich nichts kann oder zum gegebenen Zeitpunkt nichts konnte. Es geht darum, die ewige Körperkritik allmählich in einen wohlwollenden Blick auf mich selbst zu wandeln.

Je älter ich werde, desto stärker spüre ich tief in mir ein Sehnen nach Wahrhaftigkeit und nach Präsenz. Ich habe keine Ressourcen mehr für Fake, Dummheit und Unrecht. Ich bekomme regelmäßig Kreischattacken, wenn ich Politiker von Wohlstandssicherung reden höre. Als ginge es darum, deren Wohlstand zu sichern. In meinen Augen geht es nicht zuerst darum, irgendjemandes Wohlstand zu sichern, sondern um eine gerechtere Verteilung dessen, was da ist.

Was will ich noch vom Leben?

Ich möchte nichts mehr von dem, was mir wichtig ist, aufschieben. Liebe lässt sich nicht konservieren. Wir können sie vermehren, indem wir verschwenderisch damit umgehen. Heute!

Gibt es etwas nachzuholen? Ich denke nicht. Das Meiste von dem, was ich mir für mein Leben gewünscht habe, habe ich bekommen. Drei Kinder, sogar ein Enkelkind, diverse, tolle Jobs gemacht (und ich mache sie immer noch), einen Mann, mit dem sich „altwerden“ gut anfühlt.

Heute ist es für mich kein Opfer, sondern pure Lebensfreude, mich möglichst natürlich und gesund zu ernähren. Ein einfacher Lebensstil kann große Freude machen. Ich pflege einige – mir sehr wertvolle – Rituale und Kontakte.

Und ich habe die Möglichkeit, mit einem der schönsten Übungsfelder des Lebens spielen zu dürfen. Mit meinem Garten! Nicht groß, aber (zumindest in Anteilen) wild. Vielfalt zulassen. Mit den Jahreszeiten das Entstehen und Vergehen üben. Neues ausprobieren. Manches gelingt, anderes nicht. Ein Saatkorn in die Erde legen. Sonne, Wasser, Luft dran lassen. Den Rest besorgen Geduld und Gottvertrauen.

Was braucht es mehr?

In diesem Sinne …

Alles Liebe …

Deine Daniela

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