
Zusammen alt werden – oder …einander das Fell wärmen
Zusammen alt werden – oder …
Thomas und ich haben uns über eine Dating-Plattform im Internet kennengelernt. Nein… ich verrate jetzt nicht welche 😉
Das erste Mal getroffen haben wir uns in einer Kunstauktion. Eine Freundin hatte mich gefragt, ob ich hingehen könnte, um zu schauen, ob das Gemälde einer gemeinsamen Bekannten auf der Auktion verkauft wird. Sie hatte ihr versprochen hinzugehen, war aber nun selbst verhindert.
So richtig Lust hatte ich nicht. Allerdings hatte ich vor ein paar Tagen Thomas im Internet kennengelernt. Wir hatten ein bisschen hin und hergeschrieben und dies hier war meine Chance, zu testen, ob er zu so etwas zu gebrauchen war. Ich fragte ihn kurzerhand, ob er die Kunstauktion mit mir zusammen besuchen würde und er zögerte keinen Moment. So trafen wir uns zum ersten Mal an einem sonnigen Frühsommersamstag im Juni 2009 in Krefeld und wohnten in einem Hörsaal der Hochschule Niederrhein der ersten Runde einer Kunstauktion bei.
Zusammen alt werden – das erste gemeinsame Erleben
Es war für uns beide die erste Veranstaltung dieser Art. Wir fühlten uns irgendwie fehl am Platz. Saßen da stocksteif und etwas zu eng nebeneinander. Ich äußerte, dass ich Sorge hatte, mich zu bewegen, weil ich sonst vielleicht versehentlich ein Bild kaufen würde. Ein bisschen, wie beim Elternabend in der Schule, wenn die Ämter verteilt werden. Sich bloß nicht rühren, sonst hast du die Klassenpflegschaft am Hals.
Thomas meinte, er fühle sich ein bisschen wie in der Kirche einer fremden Religion, bei der er die Liturgie nicht ganz versteht.
Wir mussten beide lachen und ich spürte bereits jetzt eine gewisse Vertrautheit zwischen uns. Das ist mit Worten nicht zu erklären. Eher war es ein Körpergefühl. Fast so, als würde mein Körper sich an ihn erinnern. Dabei waren wir uns bisher nie begegnet. Es war eigentlich total unspektakulär, aber deutlich.
Das Bild verkaufte sich im ersten Durchgang nicht. So beschlossen wir, die weiteren Auktionsrunden zu schwänzen und stattdessen lieber den Rest des Nachmittags bei bestem Wetter in einem nahegelegenen Biergarten zu verbringen.
Der Rest abgekürzt: Am Ende des Tages wussten wir beide, dass wir uns wiedersehen wollten.
Zusammen alt werden – Einige Jahre später…
Was mir bis heute am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist, ist das unerklärliche Gefühl der Verbundenheit. Irgendwie als ob wir uns schon ewig kennen. Ich erinnere mich, dass ich mir damals mehrfach die Frage stellte, wie sich ein so starkes Gefühl über die Jahre überhaupt noch vertiefen könne?
Fast siebzehn Jahre sind seitdem vergangen. Seit nahezu fünfzehn Jahren leben wir zusammen, sind seit über fünf Jahren verheiratet.
Und nun?
Werden wir miteinander älter.
Seit ich ihn kenne, sagt Thomas gerne, dass Liebe kein Vorrecht der Jugend wäre. Heute fügt er den Begriff „Partnerschaft“ mit ein. Liebe und Partnerschaft sind kein Vorrecht der Jugend. So seine Worte.
Wir sind Partner. Ehepartner, Lebenspartner, Partner im Älterwerden, Partner auf dem kleinen Schiffchen aus Papier, mit dem wir gemeinsam durch den Ozean des Lebens schippern.
Worum geht es, wenn wir „in die Jahre“ kommen?
Wie gehen wir mit dem Älterwerden um? Vor allem mit dem Schwächerwerden? Mit dem Schwächerwerden des anderen und mit dem eigenen Schwächerwerden? Mit den Verschrobenheiten, die sich in den „späten“ Jahren gerne potenzieren. Welchen Glaubenssätzen folgen wir noch? Und was machen diese Glaubenssätze mit uns?
Ganz schön viel! Sie haben immer noch Kraft.
Wie verändern sich Konflikte?
Immer noch geschieht es, dass wir mit unseren (teils sehr unterschiedlichen) Vorstellungen davon, wie Leben richtig geht, aneinandergeraten. Obwohl wir beide wissen, dass die Reaktionen in Konflikten zu fünfundneunzig Prozent aus dem Unterbewusstsein entstehen, schützt uns das nicht davor, dass es hier und da nochmal richtig kracht.
Zack, zack, zack…. Hin und Her… Etwas ist gesagt und kann nicht mehr zurückgenommen werden. Zu tief verletzt sind die bedürftigen Kinder, die zu ihrer Zeit kein Verständnis für ihre Nöte erfahren haben. Und zu wenig sind wir als Erwachsene in der Lage, den ersten Schritt zu tun, um den Streit beizulegen.
Der Tanz des Lebens geht weiter. Ganz gleich, wie viele Jahre wir schon auf dem Konto haben. Anders als in den ersten Jahren unseres Zusammenseins hat sich allerdings die Vertrautheit, die schon früh spürbar war, verdichtet. Sie ist umfangreicher geworden und inzwischen alltagsgeprüft. Wir haben einander nackt gesehen. Wir kennen die vulnerablen Stellen des Anderen. Das macht was mit uns. Zum Einen schafft es Nähe, zum anderen verleiht es uns eine gewisse Form von Macht. Was tun wir damit?
Zusammen alt werden – Wie verändern sich Lebensziele?
Mit zunehmendem Alter verändern sich gewisse Lebensziele.
Es gibt älter gewordenen Paare, die sich über die Jahre derart entfremdet haben, dass sie sich nicht mehr anfassen. Thomas und ich steuern da bewusst und aktiv gegen. Wir umarmen uns täglich. Schon allein, um unseren Oxytocinspiegel auf einem guten Niveau zu halten. Ein stabiler Oxytocinspiegel ist für fast alle Zipperlein hilfreich, die im Körper querulieren können. Schmerzzustände, Unruhe oder Ängstlichkeit erfahren Linderung. Und das Gefühl, miteinander verbunden zu sein, wird gestärkt durch das – immer noch sehr unterschätzte – Bindungshormon.
Wir wollen einander warm halten, uns gegenseitig das Fell wärmen, Vertrauen üben.
Und die Liebe natürlich. Kennst du das Buch „Sexuelle Liebe auf göttliche Weise“ von Barry Long? Das Buch beschreibt einen Weg der körperlichen Liebe, den man auch (und gerade) im Alter noch miteinander beschreiten kann. Es ist ein kleines unauffälliges Taschenbuch, das zum einen polarisiert, zum anderen endlich die Verhältnismäßigkeiten der Geschlechter auf den Punkt bringt. Du solltest es unbedingt lesen. Egal in welchem Alter du gerade bist. Am besten gleich mit dem Partner gemeinsam. Thomas und ich lesen es gerade zum dritten Mal. Und sind erstaunt, was wir dieses Mal alles neu entdecken.
Die Vorzüge des Älterwerdens
Einer der stärksten Vorzüge des Älterwerdens ist, dass wir getrost den Fuß vom Gas nehmen können. Wir müssen bei nichts mehr mithalten, mit niemandem mehr konkurrieren. Wir gehen auf unseren „Lebensabend“ zu. Oder stehen wir da schon mit einem Fuß drin? Eine klar formulierte Grenze suchen wir an der Stelle wohl vergeblich. Der Begriff „Lebensherbst“ passt sehr gut zu dem, was bei uns gerade los ist.
Wir möchten zum einen immer noch aktiv sein, unsere GbR weiterführen, ebenso unseren YouTube-Kanal Herbstakkord. Gleichzeitig möchten wir unsere gemeinsame Zeit so gut es geht genießen. Der Genuss dessen, was wir gerade tun, kam in der Vergangenheit bei beiden von uns zu kurz. Bei Thomas war gerade in den letzten aktiven Arbeitsjahren der Stresslevel so hoch, dass selbst außerhalb der vorgegebenen Arbeitszeiten von Genuss oder gar Entspannung keine Rede mehr sein konnte. Dort wollen wir nicht mehr hin zurück!
Umso mehr betrachten wir jeden Lebensmoment als Kostbarkeit. Warum? Weil wir wissen, dass Lebensmomente flüchtig und zerbrechlich sind. Das wird besonders im Herbst des Lebens spürbar.
Und dann ist da noch der sehnliche Wunsch, dass wir die Zeit des Winterbeginns, die ersten Nachtfröste, miteinander noch erleben mögen…
In diesem Sinne …
Alles Liebe …
Deine Daniela