Aktion und Reaktion. Muss ich immer auf alles reagieren?

Auf dem Bild ist ein Stück Schokolade zu sehen und der Satz Muss ich immer auf alles reagieren? Kennst du das Prinzip von Aktion und Reaktion?


Muss ich immer auf alles reagieren?

Kennst du das Prinzip von Aktion und Reaktion?

Müssen wir eigentlich immer auf alles reagieren?


Du schaust auf, siehst eine (große) Spinne an der Wand. Was passiert? Oft reagiert der Körper schneller als der Geist. Dein Atem beschleunigt sich, vielleicht stolpert das Herz, du bekommst eine Gänsehaut. Oder es ist irgendwas anderes. Daraus folgen weitere, meist automatisierte Reaktionen bis das Tier beseitigt ist. Das ganze läuft ab, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind.

Wir handeln im Autopilot. Wir reagieren! Auf alles und jeden. Tausende Male jeden Tag. Natürlich nicht ohne die Situation nach unseren persönlichen Maßstäben zu bewerten.

„Was für ein ekliges Vieh!“, könnte es bei der Spinne heißen. Wir holen den Staubsauger, eine Fliegenklatsche oder, wenn freundlicher gesinnt, einen Becher, um die Spinne nach draußen zu setzen. Erst danach kann wieder Frieden einkehren. Vorrübergehend.

Eine andere Situation: Du bist stinksauer, weil der Partner die Kekspackung geöffnet hat, die du eigentlich gekauft hattest, um sie dem Kind morgen mit auf das Klassenfest zu geben. Die halbe Packung ist aufgefuttert.

Du reagierst angefressen. Dein Partner reagiert unmittelbar auf deine Reaktion. Du machst ihm Vorwürfe, er fängt an, sich zu rechtfertigen. Im Nu ist ein Streit entflammt, der an einem bestimmten Punkt nichts anderes mehr ist, als ein blindes „aufeinander reagieren“. Schon mal erlebt?

Es ist ein klassisches Beispiel für das Prinzip Aktion und Reaktion. Der Weg aus einer solch vertrackten Situation ist oft zäh und schwierig.

Stellt sich die Frage: Müssen wir wirklich immer jedem Impuls, auf etwas anzuspringen, nachgeben? Müssen wir unablässig auf alles reagieren?

Ich behaupte: Nein!

Die Welt wäre ein friedlicherer und deutlich stillerer Ort, wenn wir uns das ständige „auf alles reagieren“ abgewöhnen könnten. Ganz davon abgesehen kostet es uns Lebenskraft, die wir an anderer Stelle deutlich konstruktiver nutzen könnten.

Bleibt die Frage: Wie geht das? Wenn ich mich nun mal vor Spinnen ekle? Und bin ich nicht im Recht, wenn ich den Partner zurechtstutze, weil er die Kekse aufgegessen hat? Es geht ja auch gar nicht darum, eine Faust in der Tasche zu machen. Das wäre eine schlechte Lösung, da sich der Unmut wie ein Sediment absetzt und im Körper lange überdauern kann.

Fakt ist: Die Kekspackung wird nicht wieder voll, wenn du dir den Partner jetzt mal so richtig vorknöpfst. Stattdessen macht es Sinn, zunächst einmal wahrzunehmen, was in deiner eigenen Gefühlslandschaft eigentlich passiert. Hast du schon mal bewusst hingespürt, wenn dich eine Wutwelle so richtig packt? Das kann so weit gehen, dass du es im eigenen Körper kaum noch aushältst.
Da liegt es nahe, dass wir – in unserem Fall – den Partner zum willkommenen Blitzableiter für unsere eigene Wutwelle machen. So muss ich nicht mehr bei mir, bei meiner Wut sein.

Alles ist erträglicher als dem Toben der Wutwelle in mir nachzuspüren. Dann lieber Streit!

Die wenigsten von uns haben einen angemessenen Umgang mit überschießenden Emotionen gelernt. Vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass deine Resonanzen und Reaktionen auf alles was geschieht, mit deiner persönlichen Geschichte zu tun haben. So ist es bei allen Menschen. Dies bedeutet, dass auch der/die Partner/in, der Kollege oder die Chefin aus ihren antrainierten Konditionierungen und Erfahrungen heraus auf ihre Umwelt reagieren. Wenn du diesen Mechanismus bei dir selbst durchschaut hast, fällt es leichter, dies auch den Anderen zuzugestehen.

Die Reaktion auf einen Umstand hat weniger mit dem Umstand selbst als mit dem Menschen zu tun, der reagiert.

Macht Sinn, wenn wir da manches nicht zu persönlich nehmen. Der Partner hat die Kekse vermutlich nicht aufgegessen, um dich zu ärgern, sondern weil er Lust auf Kekse hatte. Ob er sich dessen überhaupt bewusst war, als er auf seine Kekslust reagiert hat? Darüber könntet ihr ein Gespräch führen. Das geht allerdings nur schwer, solange die Wutwelle noch in dir tobt. Wenn du schon einen bewussteren Umgang mit deiner Wut gerlernt hast, könntest du dem Partner von deiner Wut berichten. Von deiner Hilflosigkeit angesichts der leeren Kekspackung, die eigentlich für etwas anderes gedacht war. Das ist etwas völlig anderes als die Wut an ihm auszuagieren. Daraus kann sich ein sehr konstruktives Partnergespräch entwickeln und womöglich findet ihr gemeinsam eine gute Lösung für das bestehende Problem.

So schnell wie die Wutwelle gekommen ist, kann sie auch wieder verebben.
Gut, wenn dann nicht zu viel Porzellan zerbrochen wurde.

Versuche doch einmal, ganz bewusst deine Resonanz auf ein Ereignis einmal nur zu beobachten, bevor du auf es reagierst. Das kann man zunächst bei kleineren Anlässen ausprobieren. Wenn z.B. der vertraute Klingelton verrät, dass eine Nachricht angekommen ist. Greifst du sofort zum Handy? Wenn nicht, lenkt dich das Wissen um eine neue Nachricht von der Tätigkeit ab, die du gerade ausführst?

Ein guter Trainingsplatz, um deine individuellen Resonanzen zu beobachten, ist ein gemeinschaftliches Essen mit Freunden oder – noch besser – im größeren Familienkreis. Probiere einmal aus, wie es ist, in die Beobachterrolle zu gehen. Wer ringt um die verbale Herrschaft am Tisch, wer hält sich zurück? Wer neigt dazu, anderen das Wort abzuschneiden, wer stichelt gerne? Wie sind die Rollen am Tisch verteilt? Glaube mir, du gewinnst Eindrücke, die dir bisher verborgen waren. Warum? Weil du einmal nicht deine Rolle spielst.

Als Beobachtende bist du bei dir. Es entsteht eine Distanz zum Geschehen. Du bist dir viel mehr dessen bewusst, was geschieht, als wenn du das Spiel mitspielst.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass unsere Resonanz auf etwas zumeist blitzschnell und vor allem unbewusst geschieht, dann finde ich es umso erstrebenswerter, dass wir uns mit der Reaktion darauf einen Moment Zeit erlauben. Auch um herauszufinden, ob überhaupt eine Reaktion erforderlich ist.

Nicht umsonst heißt es, dass man vor größeren Entscheidungen drüber schlafen sollte, bevor man sich entscheidet. Ich sage hier auch gerne, Ich meditiere ein paarmal darüber. Das bedeutet nicht, dass ich etwas Bestimmtes zum Meditationsinhalt mache, sondern, dass ich mir eine tiefere Ebene zunutze mache, die mir zu manchem Konflikt Lösungen von innen heraus schenkt und auf diese Weise viel Konfliktstoff von vornherein wegnimmt. Etwas, das beim „Drüber Schlafen“ auch geschieht.

Beim Recherchieren zu diesem Artikel habe ich herausgefunden, dass unser Gehirn pro Sekunde etwa 11 Millionen Sinnenreize verarbeitet, von denen wir jedoch nur etwa 40 wahrnehmen. (Quelle). Bleiben wir mal bei der Anzahl der wahrnehmbaren Sinnesreize. 40 Sinnesreize pro Sekunde. Das macht immer noch 2400 Reize pro Minute, die in unserer Wahrnehmung sind. Ich finde das viel. Wir haben es also permanent mit Input und Ablenkungen von außen zu tun.

Auf welche Reize wir besonders ansprechen, hängt von unseren persönlichen Interessen, vor allem aber von unserer individuellen Historie ab.

Ich empfehle dir eine kleine Übung: Nimm dir einen Augenblick Zeit, setze dich einmal bewusst 5-10 Minuten hin und mache nichts. Einfach nur dasitzen. Es ist empfehlenswert, wenn du bei der Übung alleine bist, damit die Reaktionen der Anderen auf dein komisches Verhalten dich nicht zusätzlich irritieren. Schau dich einfach im Raum um, mehr nicht. Und nun zähle einmal, wie viele Impulse, doch etwas zu tun du im vorgegebenen Zeitruam wahrnimmst. Welche Gedanken strömen herbei? Beobachte dich selbst. Du hörst den Briefkasten klappern, das Handy rappelt, auf der Lampe liegt Staub.
Boah… was mache ich hier eigentlich?
Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, einmal kurz über die Lampe zu wischen. Nachher habe ich es wieder vergessen. Stattdessen muss ich noch vier Minuten hier sitzen. So ein Quatsch! Zu allem Überfluss liegt auf dem Tisch noch ein Stück Schokolade. Mir läuft das Wasser im  Mund zusammen.

Wie ist das für dich?

Ich mache das selbst zwischendurch hin und wieder. Darum weiß ich: Es ist ein wunderbares Training, deine Reaktionen auf das, was um dich herum geschieht, auf eine bewusstere Ebene zu heben. Darüber hinaus ist es auch eine wunderbare Übung zur Entschleunigung. Wenn deine To do-Liste so voll ist, dass du nicht mehr weißt, wie du alles hintereinander bekommen sollst, setze dich 5-10 Minuten hin und spüre, wie es sich im Körper anfühlt stillzusitzen, obwohl du eigentlich zwanghaft rotieren möchtest.

Vergiss nicht: Im Spüren entsteht eine tiefere Verbindung zu dir selbst. Darum liegt im Spüren Heilung.

Es geht nicht darum, das Reagieren auf unsere Umwelt komplett zu unterlassen. Wir Menschen gehen mit unseren Mitmenschen und mit unserem gesamten Lebensumfeld in Resonanz. Das ist gut und richtig so. Es geht lediglich darum, in unseren Reaktionen und somit in unserem gesamten Handeln bewusster zu werden. Wir alle haben einen bewussteren Umgang miteinander sehr nötig.
Auf diese Weise werden unsere Reaktionen zu Zeichen von Aufmerksamkeit. Dann kann unsere Reaktion auf unsere Mitmenschen bedeuten: „Ich habe dich gehört“ oder „Ich sehe dich“.

Und danach sehnen wir uns alle.

Allerbeste Grüße

Deine Daniela

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