Wahrhaftigkeit

Das Bild zeigt iene Frau mit Brille und das Wort Wahrhaftigkeit.


Wahrhaftigkeit

Wahrhaftigkeit.

Wir alle suchen sie und sind bedürftig danach.


Als ich vor ein paar Jahren im Krankenhaus lag, musste im Rahmen einer Behandlung ein MRT gemacht werden. Nachdem die Ergebnisse vorlagen, sagte die Ärztin, dass sie nichts Schlimmes gefunden hätten. Auf meine Frage hin, ob es denn irgendwelche Nebenbefunde gäbe, zögerte sie kurz (aber einen Moment zu lange) und sagte dann, dass es keine weiteren Befunde gegeben hätte.

Ich habe sofort gespürt, dass sie mich angelogen hat.

Du kennst solche Situationen.

Bei Wikipedia habe ich folgende Definition für den Begriff „Wahrhaftigkeit“ gefunden:

„Wahrhaftigkeit ist eine vom Individuum sowohl kognitiv als auch emotional verantwortete innere Haltung, die das Streben nach Wahrheit beinhaltet. Wahrhaftigkeit ist keine Eigenschaft von Aussagen, sondern bringt das Verhältnis eines Menschen zur Wahrheit oder Falschheit von Aussagen zum Ausdruck.“ (Wikipedia)

Denke ich an Wahrhaftigkeit, fallen mir auch Begriffe wie Aufrichtigkeit, Vertrauen oder Klarheit ein. Wahrhaftigkeit ist ein hohes ethisches Prinzip. Es bedeutet in meinen Augen auch, dass ich für mich selbst, für meine Aussagen Verantwortung übernehme. Auch dann, wenn ich erkenne, dass ich etwas Falsches behauptet habe. Wahrhaftigkeit wäre in diesem Fall einzuräumen, dass meine Behauptungen falsch sind.

In Begegnungen mit anderen Menschen erkennen wir Wahrhaftigkeit oder fehlende Wahrhaftigkeit meist intuitiv. So wie im oben genannten Beispiel. Ich wusste intuitiv, dass die Ärztin nicht die Wahrheit gesagt hat. Quasi sofort fühlte ich mich als Patientin nicht mehr ernst genommen. Warum lügt sie mich an? Wie könnte unter diesen Umständen Vertrauen entstehen?

Deutlich schwieriger zu erkennen ist es in den häufig widersprüchlichen Berichterstattungen und Behauptungen, die uns täglich aus sämtlichen Medien als Wahrheiten verkauft werden. Woran könnte ich erkennen, ob irgendwelche Aussagen, Zahlen oder Statistiken wahrhaftig ernst zu nehmen sind oder nicht? Bei Instagram wird mir regelmäßig angeboten, Follower zu kaufen. Da gibt es sogar Herbst- oder Weihnachtsangebote. Was soll das?

Der moderne Ausdruck für Schwindeleien und falschen Behauptungen ist „fake“. Ich habe den Eindruck, dass „fake“ nicht nur überall präsent, sondern durchaus auch salonfähig ist.

Immer wieder beobachte ich, dass Sensation vor Wahrheit geht.

Und das gilt nicht nur für die Medien.

Ich nehme an, dass es uns allen schon einmal passiert ist, dass wir in einem Gespräch, um sozusagen „Die Show im Koffer“ zu haben, Ereignisse ausgeschmückt und eventuell auch mal Wahrheiten nach eigenem Ermessen ausgelegt haben. Niemand von uns ist heilig.

Nach meinem Empfinden wird es allerdings Zeit, dass wir im Umgang mit Worten und Behauptungen bewusster werden. Um es kurz zu fassen: Es wird viel zu viel geredet, behauptet, getratscht und gelästert. Vollmundige Versprechen werden gemacht, die einzulösen gar nicht vorgesehen sind. Und das nicht nur in Wahlkampfzeiten.

Mitunter fühle ich mich, als ob ich vor Mauern aus leerem Geplapper stehe. Das ist unerträglich!

Was ist los mit den Menschen hinter diesen Mauern?
Ich kann es schon nicht leiden, wenn ich mich, um den Preis eines Online- Angebotes zu erfahren, zunächst einmal viele Klicks durch komplette Webseiten in Richtung Anmeldung bewegen muss. Auch dabei fühle ich mich nicht ernst genommen. Ich möchte einfach nur wissen, wie viel es kostet. Selbst bei einer klar formulierten Frage nach dem Preis des Angebots, werde ich nicht selten genötigt, vorher noch einige Info- Telefonate oder- Meetings zu absolvieren. Mag ja sein, dass es unterm Strich Kunden zieht, an Wahrhaftigkeit lässt es jedoch zu wünschen übrig.
Warum vermisse ich bei solchen Vorgehensweisen Wahrhaftigkeit, obwohl – genau genommen – nicht gelogen wird?
Weil es manipulativ ist! Weil mit Tricks gearbeitet wird!

Wenn Wahrhaftigkeit das Verhältnis eines Menschen zur Wahrheit oder Falschheit von Aussagen zum Ausdruck bringt, ist die Zeit überreif, dass wir alle einmal überprüfen sollten, was wir tagtäglich von uns geben und auf welche Weise wir es von uns geben. Ein bisschen mehr Bescheidenheit in unseren Behauptungen, Ankündigungen und Versprechungen wäre sicher ein Schritt in eine gute Richtung.

Ich halte Sprache (das geschriebene ebenso wie das gesprochene Wort) für ein hohes Gut. Allerdings können wir Sprache als Brücke zueinander nutzen oder zur Abwehr und Zerspaltung. Wir können Worte und Wahrheiten bis zur Unkenntlichkeit beugen und verdrehen. Ich frage mich allerdings, inwieweit wir es uns menschlich noch leisten können und vor allem wollen, auf diese Art und Weise miteinander umzugehen.

So… genug gewettert.

Was kann ich, was kannst du, was können wir tun, um die Welt in einem Ort mit mehr Wahrhaftigkeit zu verwandeln?

Wie alles im Leben, fängt auch dieser Weg bei mir selbst an. Die Verbindung zu mir selbst ist die Grundlage, überhaupt erst mal zu erkennen, wie weit es mit der Wahrhaftigkeit dessen, was ich täglich in die Welt herausposaune, eigentlich ist. Wie gestaltet sich mein Verhältnis zur Wahrheit oder Falschheit der von mir gemachten Aussagen?

Um Wahrhaftig zu sein, muss ich mich in mir auskennen. Ich brauche einen möglichst sicheren Zugang zu meinen Bedürfnissen, zu meinen Ressourcen und (ganz wichtig!) zu meinen Grenzen. Wenn ich in der Lage bin, mich in alldem zu spüren und ernst zu nehmen, komme ich der Wahrhaftigkeit ein paar gewaltige Schritte näher.

Selbstverbindung ist auch hier das Zauberwort, welches uns den Weg weisen kann.

Wenn ich mir selbst gegenüber Aufrichtigkeit übe, ist es leichter, diese auch in meine Beziehungen zu anderen Menschen und darüber hinaus in die Welt zu transportieren.

Wenn in einer Lebenspartnerschaft beide PartnerInnen nicht gelernt haben, ihre Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen, wird es unweigerlich zu Enttäuschungen oder gar Vertrauensbrüchen kommen. Laufen Aussagen und Versprechungen ins Leere und werden die entsprechenden Handlungen nicht erfüllt, sind Konflikte vorprogrammiert.

Wahrhaftigkeit bedeutet auch, die eigenen Unwahrhaftigkeiten zu erkennen, sie sogar anzunehmen.

Klingt vielleicht paradox, doch wenn ich weiß, an welchen Stellen meine eigene Wahrhaftigkeit wackelt, kann ich lernen, bewusst damit umzugehen.

Bei mir ist es besonders schwierig, wenn ich um einen Gefallen gebeten werde. Sage ich auch dann ja, wenn ich in mir den deutlichen Impuls spüre, dass ich es nicht tun möchte? Dass es mich möglicherweise überfordert?
Was ist, wenn ich deutlich spüre, dass mein Gegenüber ein „Ja“ hören möchte? Kann ich mit der enttäuschten oder sogar wütenden Reaktion meines Gegenübers leben, wenn ich ablehne? Mit Ego-Vorwürfen? Oder komplettem Rückzug? Gar nicht so leicht. Oder?

In einem solchen Fall erlaube ich mir mittlerweile etwas Bedenkzeit. Manchmal gibt es auch Kompromisslösungen, die keine faulen Kompromisse sind. Und wenn es keinen plausiblen Kompromiss gibt, muss ich mich entweder dafür oder dagegen entscheiden. Wahrhaftigkeit bedeutet an diesem Punkt, dass ich der anderen Person den Gefallen NICHT mit einer Faust in der Tasche tue, sondern voll und ganz zu meiner Entscheidung stehe, wie auch immer sie ausfällt. Damit liegt die volle Verantwortung bei mir und ich kann mein eventuelles Unwohlsein nicht der anderen Person in die Schuhe schieben.

Ich betrachte Wahrhaftigkeit als den Weg des Herzens. Lasst uns danach streben. Nach mehr Wahrhaftigkeit in unseren Worten und in unserem Handeln. Machst du mit?
Ich versichere, dass ich jeden einzelnen Blogartikel dieser Webseite aus mir selbst heraus auf größtmögliche Wahrhaftigkeit geprüft habe. Dasselbe gilt für meine Podcasts.

Ich wünsche dir eine wahrhaft gute Zeit und freue mich – wie immer – über Feedback und Kommentare.

Alles Liebe,

Deine Daniela

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